106 Annalen der Hydrographie und Maritinen Meteorologie, September 1905.
auftreten können, weil die Luftstrombahnen nicht lediglich in zwei streng be-
grenzten Richtungen ziehen — wie es der Krümmelsche Wannenversuch vor-
aussetzt —, sondern überall und allseitig das Wasser vor sich treiben. Er-
zänzungsbewegungen, soweit sie notwendig werden, dürften infolgedessen
vorzugsweise in vertikaler Richtung ausgelöst werden; es ist also wahr-
scheinlich, daß gegebenenfalls Auftriebwasser beobachtet werden kann westlich
von dem nach SO gehenden Küstenstrom der afrikanischen Küste, also westlich
von etwa 17'/,° W-Lg. Und da ist es nun wohl kein Zufall, daß gerade
in dieser Gegend die Temperaturen für 50, 100, 150, 200 m Tiefe eine sehr
auffällige kleine Kälteinsel zwischen 10° und 15° N-Br. erkennen lassen; von
verschiedenen Expeditionsschiffen ist eine abnorm schnelle vertikale Temperatur-
abnahme hier übereinstimmend konstatiert worden. UÜberschauen läßt sich diese
eigenartige Wärmeverteilung im Tiefenwasser hauptsächlich in der durch das
»Valdivia«-Werk (Band I, Atlas, Tafel X-—XIII) gebrachten Darstellung, die
auch noch ferner durch weitere Tiefseeforschungen in dieser Gegend nach-
geprüft werden sollte. Je tiefer wir in die Meereskunde dringen, desto mehr
Anhaltspunkte gewinnen wir ja überall für ein sehr verwickeltes Spiel von
vertikalen und horizontalen Wasserbewegungen, — Fassen wir alle Erwägungen
zusammen, so kann das Ergebnis nur dies sein, daß eine Anderung-der in der
ersten Auflage der Weltkarte vertretenen Auffassung von den Stromvorgängen
zwischen Kap Verde und Kap Palmas nicht notwendig ist.
Auch in den indischen Gewässern sind erhebliche Änderungen der in
erster Auflage gegebenen Stromdarstellung nicht ‚ausgeführt, besonders nicht
hinsichtlich der Richtung der Wasserbewegungen im offenen Indischen Ozean.
[{n den Gewässern des malaiischen Archipels allerdings wurde an einigen eng
begrenzten Stellen die Richtung der hier durchweg höchst variablen Strömungen
geändert, und zwar auf Grund der klassischen Darstellung von J.P. van der Stok,*)
welche 1898, als die Weltkarte zuerst ausgegeben wurde, zwar schon erschienen,
dem Verfasser aber noch nicht bekannt geworden war. Interessant ist, daß
die Geschwindigkeit einiger Strömungen, zumal derjenigen an der ostafrika-
nischen Küste, eine außerordentliche Verstärkung gegenüber der ersten Auf-
lage erfahren mußte. Die Deutsche Seewarte hat für die wichtigsten im
Indischen Ozean befahrenen Dampferwege, nämlich: Aden — Kap der Guten
Hoffnung, Aden — Colombo — Singapur, Colombo — Kap Leeuwin, sowie für
den ostasiatischen Weg Singapur — Yokohama eine Spezialuntersuchung der
Stromversetzungen vorgenommen, welche soeben in einem besonderen Atlas
veröffentlicht worden ist.?) Dabei hat sich das, was man schon früher nach
einzelnen Berichten vermuten mußte, deutlich und mit Sicherheit herausgestellt,
daß bei und trotz all’ dem örtlichen und jahreszeitlichen Wechsel der Ver-
setzungsrichtungen fast an der gesamten ostafrikanischen Küste, von Kap
Guardafui an bis Kap Agulhas, durchschnittliche Versetzungsgrößen auftreten,
die fast nirgends wieder in den Weltmeeren erreicht werden; im besonderen
sind die im nördlichen Sommer während des SW-Monsuns an der
Somaliküste beobachteten Strömungen so konstant und so überaus
stark, daß nirgends auf der Erde ein Gegenstück dazu sich findet,
auch im Golfstrom nicht. Mittlere Versetzungsgrößen von 60, 70, ja 80 Sm
im Etmal sind in den Monaten Juni, Juli, August hier ganz gewöhnlich, von
Einzelfällen mit Beträgen über 130 Sm ganz abgesehen. Diese Tatsache ver-
dient ganz besonders hervorgehoben zu werden. Übrigens verursacht auch
der NO-Monsun in dieser Gegend sehr erhebliche Stromgeschwindigkeiten.
Es ist weiterhin beachtenswert, daß unter der Südküste Japans der Kuro-siwo,
dessen Beeinflussung durch die schweren NW- und NO-Winde des Winters oft
geschildert ist, gleichwohl auch im Winter eine durchschnittliche Vorwärts-
1) Wind and weather, currents, tides and tidal streams in the East Indian Archipelago.
Batavia 1897.
*) »Atlas der Stromversetzungen auf den wichtigsten Dampferwegen des Indischen Ozeans
nnd der ostasiatischen Gewässer.« Hamburg 1905. L. Friederichsen & Co. Vergl. die Be-
sprechung dieses Atlas durch Krümmel in dieser Zeitschrift. 1905. S. 282.