400 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1905.
Auffassung, nach welcher ein kalter Küstenstrom fehlt, ziemlich genau den Tatsachen
entsprechen, und deshalb ist diese Darstellung, bei welcher ich mich. auch
in Übereinstimmung mit den neueren nordischen Forschern, besonders mit
Pettersson,') befinde, auch in zweiter Auflage unverändert geblieben. Dagegen
beschreibt Petermann a. a. ©, recht ausführlich einen kalten eisführenden Strom
an der Süd- und Südostküste Spitzbergens, welcher auf direkt ostwestlichem Kurse
etwa vom Südkap Spitzbergens und von der Bären-Insel nach der Shannon-Insel an
der Ostküste Grönlands weiter verlaufen solle; dies letztere nimmt man,
nebenbei bemerkt, längst nicht mehr an, Der starke SW-Strom polaren
Charakters unter der Südostküste Spitzbergens ist aber von allen Kennern
dieser Gegend beschrieben; Lamont gibt ihm nach seinen Beobachtungen im
Jahre 1868 die außerordentlich große stündliche Geschwindigkeit von 3 Sm in
der Stunde, welche bei den Tausend Inseln zeitweise bis auf 7 und 8 Sm (!)
sich steigern soll; jedenfalls treibt hier das Polareis immer mit Vehemenz nach
Südwesten, und Mohns Stromkarte a. a. O. wird somit für diese Gegend den
Verhältnissen vollkommen gerecht. Die vorliegende zweite Ausgabe der Weltkarte
bringt jetzt diesen Strom deutlicher zum Ausdruck, Auch die neueren,
ziemlich zahlreichen Untersuchungsfahrten zur Westküste Spitzbergens, über
welche u. a. Knipowitsch recht gut orientiert, ”) liefern keine Anhaltspunkte
für eine kalte Strömung unter Land. Zwar scheidet Knipowitsch — man
vgl. Tafel 7 dieser Zeitschrift und den Text auf S. 256 bis 260 —- auf seiner
hydrologischen Übersichtskarte unter Nr. XVI ein Küstengebiet von Spitzbergen
aus, das etwa mit der Kontinentalstufe Spitzbergens identisch ist, wie ein
Vergleich der Knipowitschschen Karte mit der Nansenschen Tiefenkarte”)
dartut; aber von einer Süd—Nord ziehenden kalten Strömung spricht auch
Knipowitsch nirgends, der übrigens für diese Gewässer nicht über eigene
Beobachtungen verfügt. Die Beobachtungen von Makaroff aus dem Jahre 1899
und von Hjort aus dem Jahre 1901 lassen stellenweise eine mäßige Abnahme
der Temperatur in der Richtung von Westen nach Osten, also von See nach
der spitzbergischen Westküste hin, erkennen, doch ist eine solche Hebung der
Isothermobathenflächen über abnehmender Wassertiefe eine ziemlich allgemeine
Erscheinung, und hiervon bis zu dem Beweis, daß dies relativ etwas kühlere
Küstenwasser an der Westküste von Spitzbergen in einer vorherrschenden
Bewegung nach Norden begriffen sei, ist noch ein weiter Weg. Somit wird
wohl auch Knipowitsch dies von‘ ihm ausgesonderte »Küstengebiet« als ein im
wesentlichen bewegungsloses, nur den Gezeiten unterworfenes Gebiet betrachten,
dessen Wasser vorzugsweise atlantischen Ursprunges ist, da der Salzgehalt
schon an der Oberfläche meistens über 34% ist, in mäßiger. Tiefe aber über
34.5. und noch höher,
In dem Meeresgebiet zwischen Island, Südgrönland und Labrador gab
die sorgsame Untersuchung Wegemanns*) vom Jahre 1899 Veranlassung
nicht zu Änderungen der Stromrichtung, wohl aber zur Umwandlung einiger
bisher blau gezeichneter und damit als kalt charakterisierter Stromfäden in
solche von roter Farbe (Warmwassertrift), um den Charakter und das Ursprungsgebiet
dieser Bewegungen richtig zu kennzeichnen. — Im Mittelmeer
führte eine innerhalb der Deutschen Seewarte vorgenommene vollständige
Diskussion sämtlicher von Dampfern auf ihren wichtigsten Verkehrswegen
beobachteten Versetzungen dazu, den die Küste Algeriens begleitenden und
mit relativ großer Beständigkeit ostwärts fließenden Strom beträchtlich mehr
herauszuheben gegenüber den gänzlich unregelmäßigen und meistens unter 6 Sm
im Etmal bleibenden Bewegungen nördlich von den Balearen oder im
Iyrrhenischen und Ionischen Meere. Es hat sich gezeigt, daß in den letztgenannten
Gebieten auf Stromstillen durchschnittlich nahezu 80°/, aller Beobı)
Vgl. z. B. Geographical Journal 1904, vol. XXIV, &. 313.
?) Hrydrologische Untersuchungen im Europäischen Kismeer, vgl. „Ann. d. Hydr. ete.«
1905, 8. 195 ff.
3) Vgl. Bathymetrical features of the North Polar Seas, Christiania 19, "Tafel 1.
*) Die Oberflächenströmungen des Nordatlantischen Ozeans, nördlich von 50° N-Br. in Aus
dem Archiv der Deutschen Seewarte«, XXI Jahre., Nr. 4.