Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1905.
Wie es noch heute üblich ist, bezeichnete man auch schon im 15. Jahr-
hundert bei den Landkompassen die Abweichung durch eine Marke, einen
Strich, auf dem Boden des Gehäuses. Der Landkompaß, welcher gewöhnlich
die Gestalt des Sonnenkompasses gehabt haben wird, wurde so lange gedreht,
bis die Nadel über der Marke schwebte. Da beim Landkompaß sich die
Nadel frei über.der Windrose bewegt, ist hier ein Ausgleich der magnetischen
Abweichung durch Drehen des Kompasses sehr leicht zu bewerkstelligen,
Anders ist die Sache beim Schiffskompaß, wo die Nadel bekanntlich fest mit
der Scheibe verbunden ist. Allerdings war die Kompaßscheibe mit der Nadel
im 16. Jahrhundert noch nicht ein solch kompliziertes und auf sorgfältigster
Berechnung beruhendes System wie heutzutage. Im allgemeinen bestand die
Scheibe aus einem möglichst leichten Karton, an dessen Unterseite die Nadel
durch einen übergeklebten Papierstreifen befestigt wurde, Auf die Oberseite
des Kartons wurde die farbige Windrose gemalt, deren Nordpunkt seit Alters
durch eine Lilie (fleur de lys) ausgezeichnet ist. Die dem Landkompaß ent-
sprechende Notierung der Abweichung bestand beim Schiffskompaß darin, daß
man die Nadel nicht genau unter der Nordsüdlinie der Kompaßscheibe
befestigte, sondern etwas seitwärts, entsprechend dem Betrage der Abweichung.
Es war diese »Verbesserung« des Schiffskompasses, um den Ausdruck
einiger Autoren des 16. Jahrhunderts zu gebrauchen, natürlich eine sehr zwei-
schneidige Sache. Für eine bestimmte Gegend, in der die örtliche Abweichung‘
mit der am Kompaß vermerkten übereinstimmte, zeigte der Kompaß allerdings
die Himmelsrichtungen astronomisch genau, Auch in Gebieten mit größerer
Abweichung derselben östlichen oder westlichen Richtung wurde der durch
die Abweichung verursachte Fehler in der Orientierung verringert. Ander-
seits wurde der Fehler aber noch verschlimmert, wenn man mit einem solchen,
sagen wir z. B. östlich verbesserten Kompaß, in ein Gebiet entgegengesetzter,
in diesem Falle also westlicher Abweichung kam, Alsdann wurde die Differenz
zwischen astronomischer und magnetischer Richtung noch um die Größe des
Verschiebungswinkels der Nadel vermehrt. Trotzdem die wissenschaftliche
Erkenntnis der magnetischen Deklination im 16. Jahrhundert sehr weit fort-
yeschritten war — Gerhard Merkator gab 1546 in seinem bekannten Briefe an
den Bischof Granvella bereits eine klare und verhältnismäßig richtige Theorie
des Erdmagnetismus!) —, hat sich der praktische Seemann doch nur sehr wenig
um sie gekümmert. Im allgemeinen, kann man sagen, fuhr der Seemann des
16. Jahrhunderts noch ohne Berücksichtigung der magnetischen Deklination.
Selbst erfahrene Seeleute leugneten am Ende des 16.Jahrhunderts die magnetische
Abweichung noch vollständig, indem sie sagten, daß der Grund für das Ab-
weichen der Nadel in einem Fehler des Instruments zu suchen sei. Pedro
Sarmiento, (nach Peschel?) unter den spanischen Seeleuten des 16. Jahr-
hunderts der größte Gelehrte,) der das erste Schiff aus dem Stillen in den
Atlantischen Ocean führte, behauptete noch fest, es gäbe keine Abweichung.
Auf der Reise durch die Magellanstraße wollte er im Januar 1580 seine Gefährten
davon überzeugen, daß man eine mißweisende Nadel nur hinlänglich zu reinigen
und frisch einzuölen brauche, um ihre Rechtweisung herzustellen. Wir besitzen
einen eigenen Bericht Sarmientos über seine Reise, In der dritten Person von
sich selber redend, berichtet er®) (nach der Übersetzung von Clem. Markham):
»In this port (Puerto Bermejo) Sarmiento made a meridian line on the
zround, and regulated the compasses, greasing and repairing them, for in the
bad and moist weather they had received much injury. It is a notice for all,
that those which were well greased never turned east or west of N., beyond
N Vergl. A. Breusing, Gerh, Kremer gen. Mercator, Der deutsche Geograph., Duisburg,
2, Aufl. 1878. 8. 13—15 und Hellmanus »Rara Magnetica« 1898, Neudrucke von Schriften und
Karten über Meteorologie und Erdmagnetismus, Nr. 10.
?) Geschichte der Erdkunde, 2. Aufl. 1877. 8. 286.
3) Viage al Estrecho de Magellanes par el Capitan Piedro Sarmiento de Gamboa, Madrid
1768, S, 52. — In der englischen Übersetzung von Clem. R. Markham, Narratives of the voyages
of Pedro Sarmiento de Gamboa to the straits of Magellan, London 1895. Hakl, Soc. 91.