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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 33 (1905)

Wolkenhauer, A.: Der Schiffskompaß im 16, Jahrhundert ete. 
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Der Schiffskompaß im 16. Jahrhundert und die Ausgleichung der 
magnetischen Deklination. 
Von Dr. August Wolkenhauer, 
Assistent am Geographischen Institut der Universität Göttingen. 
Während der Schiffer heute wohl allgemein nach mißweisendem Kompaß 
fährt und die magnetische Deklination bei Bestimmung des Kurses in Rechnung 
setzt, war dies in früheren Zeiten anders. Viel mehr als heute suchte man 
in früheren. Zeiten rechnerische Aufgaben in mechanischer Weise durch In- 
strumente zu lösen, Vor allem ist der Seemann von jeher kein Freund des 
Rechnens gewesen. 
Dem unangenehmen Einflusse der Mißweisung suchte man stellenweise 
noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts dadurch zu entgehen, daß man die 
Magnetnadel unter der Kompaßscheibe verschiebbar machte und sie um so 
viel abweichend von der Lilie (fleur de lys) stellte, als die jeweilige Ab- 
weichung betrug. Noch 1847 schreibt der Holländer Pilaar in seiner «Hand- 
leiding tot de Stuurmanskunst« (Bd, I, Amsterdam, 5.192): «Die Rose des 
Kompasses ist bei uns meistens um den Mittelpunkt herum beweglich, um dadurch 
den Norden der Rose mit dem wahren Norden in Übereinstimmung zu bringen, 
’Dies wird dadurch erreicht, daß man die Rose derartig verschiebt, daß sie 
um ebensoviel nach Osten und Westen den Norden der Rose weist, als die 
östliche und westliche Abweichung beträgt.« Es soll im folgenden kurz ge- 
schildert werden, wann dieser Usus der Verschiebung der Nadel unter der 
Kompaßscheibe aufgekommen ist. Es wird sich zeigen, wie diese besondere 
Einrichtung des Schiffskompasses weiter interessante Rückschlüsse auf die 
vielumstrittene Frage der Kenntnis der Abweichung vor Kolumbus’ erster 
Amerikareise (1492) gestattet.1) 
Die Verschiebung der Nadel unter der Kompaßscheibe zur Ausgleichung 
der magnetischen Deklination hat natürlich zur Voraussetzung, daß man die 
Abweichung der Nadel kannte. Bekanntlich ist über die Frage, wann die 
Abweichung der Magnetnadel zuerst beobachtet wurde und im besonderen, 
ob Kolumbus sie 1492 auf seiner Fahrt nach Amerika zum erstenmal be- 
obachtete, viel gestritten worden. Die Namen der Mitstreiter in diesem mehr 
als hundertjährigen literarischen Streite haben in der Geschichte der Nautik 
einen guten Klang. Um von älteren Autoren zu schweigen, haben Navarrete 
(1825), Alexander von Humboldt, d’Avezac (1860) und Geleich (1890) dazu 
das Wort ergriffen, Die drei letztgenannten waren im Gegensatz zu Navar- 
rete der Ansicht, daß dem Kolumbus .nur das Verdienst gebühre, die Ört- 
liche Verschiedenheit der magnetischen Deklination beobachtet zu haben. 
Diese Ansicht‘ war die gültige, bis Timoteo Bertelli 1892 in einer großen 
Arbeit, »La Declinazione Magnetica et la sua variazione nelle spazio scoperte 
da Cristoforo Colombo«?) in lebhafter Polemik gegen d’Avezac nachzuweisen 
suchte, daß Kolumbus sowohl die Abweichung an und für sich als auch ihre 
örtliche Verschiedenheit entdeckte. Neuere‘ Autoren pflichteten Bertelli bei, 
Nachdem sich kürzlich in Innsbruck, München und Nürnberg Sonnen-Kompasse 
(kleine Sonnenuhren mit Magnetnadel) aus den Jahren 1451, 1456 usw. 
yefunden haben, die sämtlich durch eine eingravierte, gleichaltrige Marke 
eine östliche Abweichung verzeichnen, dürfte die Frage jetzt wohl als definitiv 
dahin erledigt angesehen werden, daß die Abweichung der Magnetnadel jeden- 
falls auf dem Lande bereits vor Kolumbus Reise bekannt war.?) Das dies 
auch zur See der Fall war, wird sich aus unserer Betrachtung noch ergeben. 
1y’ Ich habe diese Frage ausführlich behandelt in einer Arbeit: »Beiträge zur Geschichte 
der Kartographie und Nautik des 15. bis 17. Jahrhunderts« in den Mitteilungen der Geographischen 
Gesellschaft zu München 1904, Heft 2. (Mit 5 Karten und 14 Figuren im Text.) 
2) In Raccolta di Documenti e Studi publicati dalla R. Commissione Colombiana, pel 
Quarto Centenario dalla scoperta dell’ America, Roma 1892, Parte IV, Vol. 1. 
. 3) Wegen näherer. Angaben verweise ich auf meine vorher zitierte Arbeit. — In einem 
Nachtrage habe ich die von mir gefundenen Sonnenkompasse beschrieben und den Innsbrucker 
Kompaß vom Jahre 1451 abgebildet.
	        
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