Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1905,
Nachtrag.
In einem vor einigen Monaten erschienenen Aufsatz über die periodischen
und unperiodischen Schwankungen in dem Atlantischen Strom!) macht
Prof, Pettersson u. a. einige Angaben über die hydrologischen Verhältnisse im
Europäischen Eismeer und benutzt diese Angaben als Beweise dafür, daß
solche periodischen Schwankungen in den Zweigen des Golfstroms hier nicht
nur vorhanden sind, sondern auch einen starken Einfluß auf die jährlichen
Temperaturveränderungen sogar an den Mündungen des Motowskij-Fjord und
des Kola-Fjord ausüben. Die Auffassungen von Prof, Pettersson weichen von
den meinigen so stark und wesentlich ‚ab und berühren so wichtige Fragen,
daß es mir notwendig zu sein scheint, die diesbezüglichen Ausführungen von
Prof, Pettersson auch in der vorliegenden kurzen Arbeit einer näheren Prüfung
zu unterwerfen,
Nach Prof, Pettersson dringt die »Wärmewelle, welche die Temperatur
der Bodenschicht von +1°C. (im Juli »Wasserwinter«) bis auf + 5° oder
mehr erhöht (im November »Wassersommer«) und im Spätherbst kulminiert«
‚.. »nicht von oben bis zu dieser Tiefe in das Wasser hinein, sie kommt von
außen, d.h. vom Westen, und wird verursacht von einem Andrang von
atlantischem Wasser, Der Beweis dafür ist, daß der Salzgehalt sich gleichzeitig
ändert«.”) Als eine Erläuterung des Ganges der jährlichen Temperaturveränderungen
führt Prof. Pettersson eine Kurve der Temperatur- Variationen in
der Tiefe von 250 m am Eingang in den Motowskij-Fjord°) nach meinem im
Jahre 1902 veröffentlichten Bericht‘) an, Er stellt daher die Auffassung in
Abrede, daß die Ursache der Erwärmung der tiefen Schichten im Spätherbst
in der Sommererwärmung der oberen Schichten liegt. Als Beweis sollen die
gleichzeitigen Veränderungen des Salzgehalts gelten.
Inwieweit stimmt zunächst. die Annahme, daß die Wärmewelle nicht von
oben in das Wasser eindringt, mit den Tatsachen überein?
Die allmähliche Verbreitung der Wärme von oben in tiefere Schichten
und die entsprechende Verspätung der maximalen Erwärmung der tiefen
Schichten, so daß der Kulminationspunkt der Erwärmung desto später eintritt,
je größer die Tiefe ist, sind allgemeine Erscheinungen, welche man überall
mutatis mutandis beobachten kann, auch dort, wo von einem »AÄndrange von
atlantischem Wasser« keine Rede sein kann. Ein Blick auf die Textfig, 1 bis 3
der vorliegenden Arbeit, wie auch auf die Fig, 67 meines Berichts, aus der
die von Prof. Pettersson angeführte Temperaturkurve in der Tiefe von
250 m entnommen ist, genügt für ein unbefangenes Auge, um sich zu überzeugen,
daß die Sommererwärmung in jedem Jahr sich allmählich, Schritt für
Schritt nach unten verbreitet. Will man hier einen Einfluß des »Andrangs
von atlantischem Wasser« erblicken, so muß man annehmen, daß derselbe zunächst
(im Juli-—August) sich an der Oberfläche kundgibt, dann in geringer
Tiefe, später in immer größeren Tiefen, bis dieser »Einfluß des Andrangs« die
Bodenschichten erreicht; mit anderen Worten muß man dann eine allmähliche
Verbreitung dieses »Einflusses« von oben nach unten annehmen.
Daß die am Eingang in den Motowskij-Fjord, im Kola-Fjord, im Hafen
Jekaterininskaja, im Eingang in das Weiße Meer usw. vor sich gehenden im
wesentlichen identischen Temperaturveränderungen mit dem Andrang vom
atlantischen Wasser nichts zu tun haben, ist schon aus der Tatsache klar, daß
die maximale Temperatur in tiefen Schichten des Nordkapstroms und seiner
Zweige nie so hoch sein kann, wie z.B. die maximale Temperatur in ent-:)
Otto Pettersson. Über die Wahrscheinlichkeit von periodischen und unperiodischen
Schwankungen in dem Atlantischen Strome und ihren Beziehungen zu meteorologischen und
biologischen Phänomenen. Mit 16 Textfiguren, Anlage A in: Conseil permanent international pour
Vexploration de la mer. Rapports et proc&s-verbaux. Volume III. Entwurf, Gesamtbericht über
die Arbeit der Periode Juli 1902 bis Juli 1904. 1905.
Seite 4 bis 5.
Fiy. 2.
3 N, Knipowitsch. Expedition für wisseuschaftlich-praktische Untersuchungen an der
Muüurman-Küste. 1902,