Knipowitsch, N.: Hydrologische Untersuchungen im Europäischen KEismeer, 343
Tiefe sich nur um 25 m vergrößert, ‚so wird die Oberfläche des Querschnitts
um 10%, größer; vergrößert sich. die Tiefe um 100 und 150 m, so wird die
Oberfläche um 40.und 60%, größer. Es ist klar, daß eine Senkung des
Meeresbodens um 100 bis 150 Meter sehr große Veränderungen des Meeres-
klimas im Europäischen Eismeer hervorrufen muß, Selbstverständlich müssen
diese Veränderungen im Meer auch entsprechende meteorologische Verände-
rungen zur Folge haben.« ;
Solche physikalisch-geographische Veränderungen müssen unbedingt
große Veränderungen in der Verbreitung der Tiere erzeugen, Je milder das
Meeresklima wird, desto: weiter nach Osten verbreiten sich die borealen
Formen und desto mehr treten die rein arktischen Arten zurück, Wenn die
Verhältnisse im Atlantischen Ozean unverändert bleiben, so muß die Fauna
des Gebiets von Finmarken mehr oder weniger weit nach Osten vordringen,
Die Untersuchungen über die Fauna‘ der Meere der quaternären Periode, in
welche ich mich hier nicht einlassen darf, heben aufs deutlichste hervor, daß
die hier kurz angedeuteten Prozesse während der genannten Periode wirklich
stattfanden. Während der großen interglacialen Senkung des Bodens (bis
etwa 150 m) lebte die Finmarken-Fauna im Dwina- und Waga-Gebiet min-
destens bis etwa 61° N-Br. und im Gebiet ‚der Petschora; die Fauna des
Weißen Meeres hatte einen mehr ozeanischen Charakter usw. Während der
viel geringeren postglacialen Senkung enthielt die Fauna der Murman-Küste
verschiedene Arten, welche jetzt hier nicht leben und erst an "den Küsten von
Finmarken zu finden sind.')
Mit‘ wachsender Tiefe muß die Spaltung der Nordkapströmung in
einzelne Zweige sich vermindern, die Strömung bekommt dadurch einen ein-
heitlicheren Charakter und bedingt eine gleichmäßigere und einförmigere,
zugleich mehr boreale Fauna des Meeresbodens, während die arktische Fauna
sich mehr und mehr zurückzieht. »Aber wie auf dem Lande während des
Zurücktretens der Gletscher die nach Norden sich zurückziehende arktische
Frnna auf hohen Bergen passende Existenzbedingungen finden und sich
während der größten Klimaveränderungen erhalten konnte, ebenso können
auch gewisse Elemente der arktischen Meeres-Fauna in tiefen von dem
angrenzenden Meere durch submarine Barriere abgeschlossenen Bassins sich
während der Steigerung der Meerestemperatur als Relikte erhalten.“) Dies
ist nun, meiner Ansicht nach, mit der Fauna des kalten Gebiets des Weißen
Meeres der Fall. |
Selbstverständlich muß die Hebung des Meeresbodens entgegengesetzte
physikalisch-geographische und biologische Veränderungen hervorrufen,
Die Senkungen: und Hebungen brauchen keineswegs gleichmäßig über
große Gebiete zu verlaufen. In verschiedenen Teilen ein und . desselben
Ozeans können diese Prozesse sich auf ganz verschiedene Weise vollziehen.
Während ein Teil des Ozeans starke Senkung oder Hebung des Bodens zeigt,
kann ein anderer davon viel weniger oder gar nicht berührt werden oder sogar
entgegengesetzte Prozesse zeigen. Die Ungleichmäßigkeit und Unregelmäßigkeit
der Senkungen‘ und Hebungen kann einen sehr komplizierten Verlauf der
physikalisch-geographischen und biologischen Veränderungen zur Folge haben.
Es ist außerdem nicht zu vergessen, daß eine gewisse Veränderung in
der Lage des Meeresbodens in verschiedenen Gebieten ganz verschiedene Folgen
haben kann. Die Senkung des Bodens des Barents-Meeres muß z, B. einen
erhöhten Zufluß des Golfstromwassers in dieses Meer hervorrufen, und daher
ein wärmeres Meeresklima und eine mehr boreale Fauna; aber gleichzeitig
muß offenbar. die Quantität des Golfstromwassers an der Westküste von
Spitzbergen abnehmen, was dort die Temperatur des Meeres niedriger macht.
Es liegt hier eine weitere Quelle der Mannigfaltigkeit der physikalisch-
geographischen und biologischen Veränderungen vor uns. ;
1) N. Knipowitsch. Zur Kenntnis der geologischen Geschichte der Fauna des Weißen
und des Murman-Meeres. Verhandl. d. K. russischen mineralogischen Gesellschaft. Bd. XXXVHI.
1900, Kurze Angaben darüber findet der Leser auch in »Zur Kenntnis der geologischen Klimate«.
2) N. Knipowitsch. Zur Kenntnis der geologischen Klimate. $. 292.