340 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1905,
Für die Untersuchungen in dieser Richtung scheint mir das Europäische
Eismeer ganz besonders geeignet zu sein, erstens wegen seiner Lage als ein
Grenzgebiet zwischen den relativ warmen Meeren von West-Europa und den
echten hocharktischen Meeren, zweitens wegen der außerordentlichen Mannig-
faltigkeit der physikalisch-geographischen Verhältnisse. Wie wir oben sahen,
findet man hier ein sehr buntes Bild der hydrologischen Phänome. Ver-
schiedene Strömungen und ihre Verzweigungen, verschiedene Temperaturen,
Salzgehalte, verschiedene jährliche Veränderungen, verschiedene Eisverhält-
nisse usw., oft an Punkten, welche voneinander schr wenig entfernt sind, —
dies alles muß natürlich eine große Mannigfaltigkeit der Fauna, ein ziemlich
buntes Bild der Tierwelt hervorrufen. In der Tat kann man oft in einer ver-
hältnismäßig geringen Entfernung von einem gewissen Punkt eine wesentlich
verschiedene Fauna finden. Dadurch wird uns eine Möglichkeit gegeben, für
viele Arten die (Grenzen der Existenzbedingungen festzustellen, in welchen
dieselhen leben können.
Ein eingehendes Studium der Verbreitung einzelner Arten der Tiere
zeigt uns oft eine auffallend, stark und deutlich ausgeprägte Abhängigkeit
von hydrologischen Verhältnissen, und die hydrologische Karte erscheint oft
zugleich als eine zoologische Karte. So konnte ich z. B. neulich feststellen, daß die
Verbreitung verschiedener Arten der Gattungen Lycodes und Lycenchelys (zwei
Gattungen der Bodenfische) der hydrologischen Karte aufs genaueste entspricht:
vewisse Arten bewohnen ausschließlich die Zweige der Nordkapströmung, da wo
dieselben noch stark ausgeprägt sind und relativ hohe Temperatur zeigen, und
den warmen Teil des Küstengebiets an der Murman-Küste; andere vermeiden
verade diese Teile unseres Untersuchungsgebiets, ihr Verbreitungsgebiet nimmt
die kalten Teile des Barents-Meeres ein und erstreckt sich weit nach Süden,
aber nur bis zum Gebiet der Murman-Strömung; andere Arten bewohnen
ebenfalls hauptsächlich die kalten Gebiete, finden sich jedoch auch in kälteren
Teilen der Zweige des Golfstroms; eine Art bewohnt ausschließlich das kalte
Gebiet des Weißen Meeres usw. In zwei Arten kann man sehr deutliche
Variationen im Bau in Zusammenhang mit physikalisch-geographischen Ver-
hältnissen feststellen.
Die Verbreitung des Dorsches im Europäischen Eismeer sowie seine
Wanderungen stehen ebenfalls in recht stark ausgeprägtem Zusammenhang
mit hydrologischen Verhältnissen. Dieser Fisch bewohnt in der Regel nur die
Nordkapströmung und ihre Zweige sowie diejenigen Gebiete, wo die Temperatur
entweder das ganze Jahr relativ hoch ist (die Murman-Küste) oder mindestens
im Sommer (z. B. das Weiße Meer). So finden wir die Dorsche z. B. weit im
Osten in der Murman-Strömung. Die Hauptmasse dieses Fisches kommt im
Frühjahr in unser Gebiet von Westen, und große Scharen bewegen sich in
der Murman-Strömung, um erst später nach der Murman-Küste vorzurück: 2,
wo dann die gewöhnliche Fischerei anfängt. Im Gebiet der Murman-Ström ng
kann man große Massen von Dorschen (sowie einigen anderen Nutzfisc en)
auch dann finden, wenn an der Murmanküste dieselben nur in sehr ger nger
Anzahl zu treffen sind und keine lohnende Fischerei möglich ist,
Ohne mich in weitere Einzelheiten in betreff der Biologie des Meeres
einzulassen, will ich jetzt einige Angaben über einen See mit Salzwasser mit-
teilen, welcher als ein sehr eigentümliches biologisches Unikum zu betrachten
ist. Dies ist der Reliktensee Mogilnoje auf der Insel Kildin, welche unweit
östlich von dem Eingang in den Kola-Fjord liegt. Der See liegt am Strand,
vom Meer durch einen Wall getrennt. Das mittlere Niveau des Sees liegt
etwas höher als das mittlere Niveau des angrenzenden Meeres, durch den Wall
Äindet ein Austausch des Wassers des Sees und des Meeres statt, und die Ge-
zeiten geben sich in dem See kund, wenn auch in sehr verkleinerter Skala
(einige Zentimeter anstatt etwa 4 m) und mit starker Verspätung. Es war schon
sehr lange bekannt, daß in diesem See Dorsch, wie bekannt ein echter Meer-
fisch, gefangen wird. Prof, V, Faussek hat dann nachgewiesen, daß in tiefen
Schichten des Sces das Wasser salzig ist und eine ganze Reihe von Meeres-
tieren und Pflanzen enthält. Meine Untersuchungen in den Jahren 1893 und