296 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1905.
große Geschwindigkeit zeigen kann, bedeckt bald mehr, bald minder auch die
Zweige des Spitzbergen-Golfstromes, Weiter nach Osten bedeckt dieselbe
Strömung die Zweige des Nordkapstroms und dringt weit nach Süden vor,
wo dieselbe den südlichen Zweig des Nordkapstroms südwärts ablenkt und
sich zum Teil auch unter denselben, sowie südwärts davon einschiebt. Große
Massen des Golfstromwassers ergießen sich hier von Westen und Süden in das
kalte nördliche Gebiet, während von Norden Massen des Polarwassers in
die oberen Schichten vordringen. Es findet hier eine starke Vermischung von
Golfstromwasser und Polarwasser statt und das vermischte Wasser findet einen
Abfluß nach Norden und Nordosten. Im Norden und Nordosten sind die
oberen kalten Schichten, welche wir als direkte Fortsetzung der oberen
Schichten des Polarbeckens betrachten können, stärker ausgeprägt, aber in
mittleren und tiefen Schichten haben wir es auch hier mit direkten Fort-
setzungen des Golfstroms und mit Mischwasser zu tun. Der größte Teil des
Barentsmeeres fällt in ein Gebiet, welches weder ausschließlich dem Golfstrom
noch der Polarströmung angehört,
Es bleibt mir noch übrig, die hydrologischen Verhältnisse des Weißen
Meeres kurz zu erörtern. ‘Wie wir schon sahen, ist der Salzgehalt hier über-
haupt gering und sogar in der Tiefe von 200 m finden wir einen Salzgehalt
von wenig über 30%. Fast während einer Hälfte des Jahres ist das Meer
mit großen Massen von Treibeis, zum Teil auch mit unbeweglichem Küsteneis
bedeckt. Zu dieser Zeit scheinen die Temperaturverhältnisse sehr gleichförmig
zu sein: soweit wir aus spärlichen direkten Beobachtungen, sowie aus all-
gemeinen theoretischen Betrachtungen schließen können, nimmt dann fast die
ganze Masse des Wassers die Temperatur von etwa —1.4° bis — 1.6 an. Im
Sommer findet eine sehr starke Erwärmung statt, besonders im Golf von
Onega und an den Küsten, In tieferen mittleren Teilen des Meeres bleibt die
Masse des Wassers auch im Sommer sehr kalt und bedeutende Erhöhung der
Temperatur wird nur in dünnen oberen Schichten beobachtet. Im Golf von
Onega und an den Küsten werden dagegen alle Schichten stark erwärmt. Das
Weiße Meer zerfällt daher in ein warmes und ein kaltes Gebiet, welche
entsprechend den wesentlich verschiedenen physikalisch-geographischen Ver-
hältnissen auch verschiedene Faunen enthalten. !)
Auf der beiliegenden Karte (Tafel 7) habe ich das allgemeine Bild der
hydrologischen Verhältnisse dargestellt. Diejenigen Teile des Golfstroms, in
denen derselbe mindestens im Sommer (Juli—August), meist im Laufe des
ganzen Jahres bis zur Oberfläche des Meeres reicht, sind mit kontinuierlichen
Linien bezeichnet, welche im Bereiche der Zweige selbst dicht, im Randgebiet
in größeren Entfernungen von einander geführt sind. Die Fortsetzungen des
Golfstroms unter kalten Deckschichten, wo das Golfstromwasser noch eine
Temperatur von über 0’ hat, sind mit durchbrochenen Strichen bezeichnet,
weitere Fortsetzungen, wo die Temperatur unter 0 sinkt, sind punktiert ein-
getragen. Die Pfeile zeigen die vermutliche Richtung der Golfstromzweige
außerhalb des Gebiets, in dem genügende direkte Beobachtungen vorhanden
sind. I— der westspitzbergische Zweig des Golfstroms; Ia — die Fortsetzung
desselben als Unterstrom im Polarbecken; II — der südspitzbergische Zweig
des Golfstroms; III — die Fortsetzung des südspitzbergischen Golfstroms in
den Storfjord als Unterstrom; IV — die östliche Fortsetzung des südspitz-
bergischen Golfstroms nach Osten als Unterstrom; IVa — vermutliche weitere
Fortsetzung desselben; V — der Nordkapstrom; VI -— der nördliche (vierte) Zweig
des Nordkapstroms; VIa —- die vermutliche Fortsetzung desselben als Unterstrom
nach Nordwesten; VIb — die Fortsetzung desselben als Unterstrom nach
Osten; VIe, VId, YIe und VIf weitere Fortsetzungen als Unterströme; VII — der
dritte Zweig des Nordkapstroms; VIII — das Grenzgebiet zwischen den beiden
mittleren Zweigen der Nordkapströmung; IX — der zweite Zweig der Nord-
') N. Knipowitsch, Eine zoologische Exkursion in den nordwestlichen Teil des Weißen
Meeres im Sommer 1895. Annuaire du Musee Zoologique de l’Academie Imp. des Sciences de
Xt. Peötershoure. 1896.