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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 33 (1905)

Knipowitsch, N.: Hydrologische: Untersuchungen im Europäischen Kismeer. 295 
Längs der Süd-, West- und Nordwestküste von Nowaja Semlja beobachten 
wir auf der Kontinentalstufe, meist in einer Rinne, eine sehr eigentümliche 
kalte Bodenströmung. Die Temperatur ist hier sehr niedrig (am Boden bis 
—1.7°, — 1.8° oder sogar — 1.9°), der Salzgehalt. sehr hoch, da er am Boden 
meist größer als 35% ist. Das Wasser mit dem höchsten Salzgehalt bildet 
eine verhältnismäßig dünne Bodenschicht. Nach oben nimmt der Salzgehalt 
stark ab; die salzreiche Bodenströmung wird im Sommer!) immer von um 
vieles salzärmeren Schichten bedeckt, Die leider zu spärlichen direkten Be- 
stimmungen der Strömungen, über welche ich unten kurz. berichten werde, 
scheinen zu beweisen, daß in den Bodenschichten eine Bewegung nach Süden 
(und Südosten) stattfindet, während man in oberen Schichten jedenfalls eine 
veränderliche Bewegungsrichtung feststellen kann, jedoch mit Vorherrschen der 
Bewegung nach Norden, Die Bodenströmung. hat eine Breite von etwa 45 See- 
meilen .im Norden, bis ungefähr 25 Seemeilen vor dem Eingang in Kostin 
Schar; weiter nach Osten scheint die Strömung noch enger zu werden. Für 
die kalte Strömung arı den Küsten von Nowaja Semlja hat Professor Nansen 
den Namen Lütke-Strömung vorgeschlagen; wenn nun weitere Untersuchungen 
endgültig beweisen werden, daß die Strömung der oberen salzarmen Schichten 
von der salzreichen Bodenströmung unabhängig ist, so müssen wir als Lütke- 
Strömung die erstere bezeichnen, da von diesem Forscher nur die Strömung 
der oberen Schichten aus dem Karischen Meer in der Richtung nach Westen 
entdeckt worden ist. . 
—_ Was die Herkunft der kalten Bodenströmung anbetrifft, so ist es 
zur Zeit kaum möglich, etwas Sicheres zu sagen. Der außerordentlich hohe 
Gasgehalt (siehe unten) im Wasser dieser Strömung scheint zu beweisen, daß 
das Wasser bei sehr niedriger Temperatur mit Luft gesättigt wurde, aber wo? 
Jedenfalls nicht im Polarbecken, wo wir nach den Beobachtungen von Nansen 
jahraus, jahrein zu allen Jahreszeiten eine dicke obere Schicht mit geringem 
Salzgehalt finden, Das Wahrscheinlichste meiner Meinung nach ist, daß dies 
auf der Kontinentalstufe von Nowaja Semlja zur Winterszeit geschieht, viel- 
leicht auf nördlichen Teilen derselben. Zugunsten dieser Vermutung spricht 
die Tatsache, daß hier sogar im August, nachdem durch langes Eisschmelzen 
stark versüßte obere Schichten entstehen mußten, wir doch einen hohen Salz- 
gehalt in relativ sehr geringer Tiefe finden. Auf der Stat. Nr. 57 unter 75°01’N-Br., 
54° 55’ O-Lg. wurden am 5, August 1901 von S. Makarow hydrologische Beob- 
achtungen ausgeführt und eine Reihe Wasserproben genommen, welche später 
im Laboratorium ‘von Nansen untersucht worden sind. Wir finden hier 
folgende Verteilung der Temperatur und des Salzgehaltes (nach Knudsens 
Tabellen): 
Tiefe iünm..... 1 10 25 50 100 150 
Eee eeeeeee —18 —18 —18 —18 —L8 —L1,8 
Salzgehalt %.... 33.53 38.583 34.46 3494 3497 35.05 
Auf der Station Nr. 58 der Murman-Expedition im Jahre 1902 unter 76° 
13’N-Br. und 55° 00’ O-Lg. beobachtete man am 12, August folgende Temperatur 
und Salzgehalt: . 
Tiefe inm..... 0 10 25 50 100 - 
Bora eeeeeeee A1A2 A145 —0.79 —1.67 —1.70 
Salzgehalt % ... 82.72 32.86 34.72 3488 35.01 
In beiden Fällen beobachten wir relativ dünne, durch Eisschmelzen ent- 
standene Deckschichten. Vor dem Anfang des Eisschmelzens mußte das Wasser 
mit hohem Salzgehalt die Oberfläche erreichen; der Salzgehalt zu dieser Zeit 
wurde fortwährend dadurch vergrößert, daß immer neue Massen von Eis sich 
bildeten, wobei der größere Teil des Salzes im Wasser zurückblieb. Ü 
Wir müssen jetzt das kalte nördliche Gebiet näher ins Auge fassen, 
welches nördlich von dem Nordkapstrom liegt und zum Teil von Zweigen des- 
selben erfüllt ist. Die kalte von Nord und Nordost vordringende Strömung an 
den Süd- und Ostküsten von Spitzbergen, sowie auf dem Plateau der Bären-Insel 
und der Hoffnungs-Insel sind lange bekannt. Diese Strömung,‘ welche sehr 
1 Beobachtungen über die Winterverhältnisse fehlen.
	        
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