294 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1905.
Meeres münden, wo das abgekühlte und zum Teil mit Polarwasser und Schmelz-
wasser vermischte Golfstromwasser, wie wir sahen, mächtige Bodenschichten bildet.
Der weiter nach Süden liegende zweite Zweig des Nordkapstromes ist
viel schwächer; von dem dritten Zweige ist er durch Wasser mit bedeutend
niedrigerer Temperatur und geringerem Salzgehalt getrennt; indessen ist die
Trennung der mittleren Zweige voneinander sowie von dem südlichen Zweige
viel weniger ausgeprägt, als zwischen den beiden nördlichen: die drei süd-
lichen Zweige erscheinen mehr als drei Maxima des Nordkapstromes, Zu-
weilen können nichtsdestoweniger beträchtliche Massen kalten Wassers zwischen
Zweigen der Nordkapströmung nach Westen vordringen, besonders zwischen
den mittleren (dem zweiten und dem dritten) Zweigen. Vielleicht wird das
kalte Wasser von Osten durch Reaktionsströmungen nach Westen geführt. Im
Osten wird auch der zweite Zweig bald von kalten Schichten bedeckt und
bildet zusammen mit anderen Zweigen die erwähnten salzreichen Bodenschichten.
An den Küsten des Festlandes sowie von Spitzbergen und Nowaja Semlja
erstrecken sich Küstengebiete, welche, so verschieden sie auch sein mögen,
jedoch immer einen gemeinsamen Zug zeigen: dies ist eine stark ausgeprägte
Abhängigkeit von dem Einfluß der Küsten, d. h. des vom Lande fließenden
Süßwassers und der Erwärmung (und Abkühlung) an den Küsten.!)
In den Küstengebieten von Spitzbergen und Nowaja Semlja ist das Meeres-
klima sehr rauh; die Sommererwärmung des Wassers ist relativ gering und
gibt sich eigentlich nur in den oberen Schichten kund; schon in relativ
geringen Tiefen (abgesehen von denjenigen Teilen, welche unter dem Einfluß
des Golfstromes stehen) finden wir meist sehr niedrige Temperatur; die
Sommererwärmung dauert nicht lange, und den größten Teil des Jahres übt
hier das Eis seinen Einfluß.
Wesentlich verschieden sind die Verhältnisse im Küstengebiet an der
Murman-Küste. Hier finden wir sehr große Sommererwärmung; an der west-
lichen Hälfte dieser Küste kommen die Temperaturen unter 07 (als Regel oder
überhaupt) nicht vor, mit Ausnahme der obersten Schichten in der Nähe von
Küsten sowie der Fjorde. Nach Osten nimmt die Temperatur beträchtlich ab,
im Winter erscheinen hier Massen von Treibeis und die Temperatur sinkt
bedeutend unter 0°. Der Salzgehalt am östlichen Teil der Murman-Küste ist
ziemlich niedrig.
Ungefähr dieselben Verhältnisse, wie am östlichen Ende der Murman-
küste zeigt der Eingang in das Weiße Meer: bedeutende Sommererwärmung,
besonders an den Küsten, sehr niedrige Temperaturen im Winter, Massen von
Treibeis, sowie im ganzen sehr geringer Salzgehalt — dies sind die hervor-
ragendsten Merkmale dieses Gebiets. Im Winter steht die Temperatur dem
absoluten Null (d. h. der niedrigsten Temperatur des Wassers mit gewissem
Salzgehalt) sehr nahe, Dasselbe finden wir auch weiter nach Osten; die
Temperatur sinkt im ganzen, je mehr wir uns von der Murmanküste entfernen.
Sehr große Sommererwärmung finden wir hier im Golf Tscheschskaja Guba
and dem Golf von Petschora.
Während wir im Küstengebiet des Plateaus des südöstlichen Teils des
Europäischen Eismeeres im Sommer meist Bodentemperaturen bedeutend über
0° finden, erstreckt sich weiter nach Norden ein kaltes Gebiet der Flachsee,
wo wir- auch im Sommer relativ niedrige Temperaturen in Bodenschichten
beobachten, welche von den oberen Schichten scharf abgetrennt sind. Das
kalte Gebiet der Flachsee erstreckt sich nach Norden bis zum Rande des
Plateaus. Zwischen der Murman-Strömung und der kalten salzreichen Boden-
strömung an den Küsten von Nowaja Semlja setzt dasselbe sich noch weiter nach
Norden fort und erscheint, wie wir sahen, zwischen diesen Strömungen als ein
selbständiges Gebiet, dessen Salzgehalt niedriger als in beiden benachbarten
Strömungen ist. Wir können daher in diesem Teil des Europäischen Eismeeres
zwei Gebiete unterscheiden: ein warmes Gebiet (oder Küstengebiet) und ein
kaltes Gebiet der Flachsee,
1) Näheres über die jährlichen Veränderungen der Temperatur findet der Leser im folgen-
den Kanitel.