Knipowitsch, N.: Hydrologische Untersuchungen im Europäischen Eismeer, 291
hinein, hier finden wir auch viel salzreicheres Wasser. Der südliche Teil des
Bettes der Nordkapströmung enthält Wasser von niedrigerem Salzgehalt und
höherer Temperatur während des warmen Teiles des Jahres; dies ist offenbar
ein Resultat des Einflusses des Küstenwassers, und zwar nicht nur an der
Nordküste Europas, sondern auch an den Westküsten, Durch die soeben er-
wähnte Teilung des Bettes des. Nordkapstromes wird die erste Spaltung des-
selben hervorgerufen. Wir können uns überzeugen, daß schon unter
27° 15’ O-Lg. das Golfstromwasser in zwei salzreiche Massen ‘geteilt ist,
zwischen welchen wir geringere Salzgehalte sowie (in tieferen Schichten) etwas
niedrigere Temperaturen beobachten, Auf diese Weise entsteht der südliche
Zweig,des Nordkapstromes, welcher nördlich von Finnmarken‘ und von dem
westlichen Teile der Murman-Küste ungefähr unter 71'/,° N-Br. liegt; die süd-
liche Grenze dieses Zweiges liegt nördlich von Varanger-Fjord ungefähr unter
71° 15’ N-Br. und auf dem Meridian des Kola-Fjords ungefähr unter 71° N-Br.')
Dieser südliche Zweig des Nordkapstromes, welchen ich als Murman-
Strömung bezeichne, fließt dann in der Richtung ungefähr nach Südosten fast
parallel der Murman-Küste längs des Randes der Kontinentalstufe derselben
ungefähr in 85 bis 90 Sm von der Küste, während dessen Randgebiet sich
bedeutend mehr nach Süden erstreckt. Die Breite der Murman-Strömung
zwischen 331/,° und 381° O-Lg. mit weniger ausgeprägten Randgebieten der-
selben beträgt etwa 70 bis 75 Meilen, während die Breite der eigentlichen,
schärfer ausgeprägten Strömung 30 bis 35 Meilen ist. Unter 38° O-Lg. liegt
die Südgrenze etwas südlich von 70° N-Br. ;
Zwischen 38° und 39° O-Lg. stößt die Murman-Strömung auf den Rand
des flachen Plateaus, welches den südöstlichen Teil des Europäischen Eismeeres
(fast die ganze Östliche Hälfte des Murman-Meeres sensu strieto) einnimmt
und nördlich von dem Eingang in das Weiße Meer, der Halbinsel Kanin und
so weiter bis zur Kontinentalstufe der westlichen Küste von Nowaja Semlja
sich erstreckt. Hier am Westrande des Plateaus spaltet sich die Murman-
Strömung wiederum in zwei Teile: die Hauptmasse des Wassers fließt den
Nordrand des erwähnten Plateaus entlang, zunächst in der Richtung ungefähr
naeh Nordosten, während der schwächere Zweig eine direkte Fortsetzung der
Murman-Strömung in der Richtung nach Südosten und dann nach Osten bildet.
Dies ist ohne Zweifel die sogenannte Kanin-Strömung verschiedener russischer
Forscher, deren Verlauf bis jetzt sehr wenig bekannt war und deren richtige
Deutung fehlte.
Wie oben erwähnt, hat die Kanin-Strömung anfangs. die Richtung nach Süd-
osten, dann biegt sie mehr nach Osten um; unter 42°O0-Lg. liegt diese Strömung
zwischen 691° und 70° N-Br., weiter nach Osten bis etwa 46° O-Lg. ungefähr
zwischen 69° 25’ bis 69° 30’ und 69° 50’ N-Br. Der Anfangsteil der Strömung
zeigt ziemlich: hohen Salzgehalt‘ in‘ tieferen Schichten, weiter nach Osten auf
dem Plateau nimmt der. Salzgehalt sehr stark ab. ‚Ungefähr bis 43° bis
44° O-Lg. reicht das warme Wasser der Strömung bis zum Boden, weiter
nach Osten finden wir unter der Kanin-Strömung kalte Bodenschichten. ;
Nach dem Abspalten des ersten oder westlichen Nebenzweiges (d.h. der
Kanin - Strömung) von der Murman - Strömung beobachten wir auf einer
Strecke, daß kalte Wasserschichten unter die warme Strömung nach der Ecke
zwischen Murman- und Kanin-Strömung eindringen. Weiter nach Osten reicht
das warme Wasser wieder bis zum Boden.
Ungefähr unter 43° bis 44° O-Lg. und 71*/,° N-Br. findet eine neue Teilung
der Murman-Strömung statt. Sie gibt nach Ostsüdosten in eine tiefe Rinne einen
aeuen Nebenzweig ab, welchen ich als Kolgujew-Nowaja-Semlja-Strömung
bezeichne. Der Zweig ist anfangs sehr gut ausgeprägt, weiter nach Ostsüdosten
wird derselbe. weniger deutlich und zwischen 50° und 54° O-Lg. finden wir nur
Spuren derselben.
Nach der Bildung des zweiten, östlichen Nebenzweiges fließt die Murman-
Strömung immer den Rand des Plateaus entlang in der Richtung nach Nordosten,
X Im Winter kann das Maximum des Zweiges sich etwas nach Süden verschieben.