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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 33 (1905)

290 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1905. 
früher oder später mit kalten salzarmen Schichten des Polarwassers und 
Küstenwassers bedeckt und erscheint dann als eine Unterströmung, welche 
die warmen und salzreichen tieferen Schichten des Polarbassins bildet, In 
der Mitte des Juni 1899 finden wir diese Deckschichten sogar in bedeutenderer 
Entfernung südlich von der Bären-Insel, während im Anfang August desselben 
Jahres diese Schichten erst nördlich von Spitzbergen beobachtet wurden 
(sowie in größerer Entfernung von der Nordwestspitze Spitzbergens nach 
Westen hin). Wie die Zweige von warmen Strömungen überhaupt, übt auch 
der Spitzbergen-Golfstrom einen außerordentlich großen Einfluß auf die Ver- 
teilung des Polareises aus und verursacht die Bildung der seit Jahrhunderten 
bekannten »Whaler Bay«, einer großen Einbuchtung in dem Eise längs der 
Westküsten Spitzbergens. 
Die Fortsetzung des Golfstromes nördlich von Spitzbergen in der Richtung 
nach Nordosten können wir auf Grund der Beobachtungen von Makarow 
unmittelbar bis etwa 20° O-Lg. verfolgen. Was den weiteren Verlauf dieser 
Strömung im Polarbassin anbetrifft, so können wir annehmen, daß dieselbe 
unter einer dicken Schicht von Polarwasser sich nach Osten nördlich vom 
Franz Josephs-Land fortsetzt. Zwischen dieser Inselgruppe und Nowaja Semlja 
schneidet das Nordpolarbassin von Osten und Nordosten weit in das Barents- 
Meer ein als eine tiefe Einbuchtung, welche in der Verteilung von verschiedenen 
Schichten dieselben Verhältnisse zeigt, wie das Nordpolarbassin. Es scheint 
mir sehr wahrscheinlich zu sein, daß solche Fortsetzung des Polarbassins in 
das Barents-Meer auch zwischen Nordostland und Franz Josephs-Land existiert. 
Der östliche Hauptzweig des europäischen Golfstromes, der Nordkap- 
strom, tritt in die tiefe Rinne zwischen dem Plateau der Bären-Insel und der 
Nordspitze Europas ein. Im Norden wird derselbe von kaltem, relativ salz- 
armem Polarwasser des Bären-Insel-Gebietes, im Süden von verhältnismäßig 
warmem (im Sommer) und ebenfalls relativ salzarmem Küstenwasser begrenzt. 
Die genannte tiefe Rinne, in welcher Professor Nansen das Bett von früheren 
mächtigen Gletschern erblickt, *) verflacht sich weiter nach Osten sehr bedeutend 
und teilt sich allmählich in einige kleinere. 
Das Bodenrelief verursacht eine Spaltung des Nordkapstromes in vier 
Zweige mit einigen Nebenzweigen, deren Lage im großen und ganzen konstant 
zu sein scheint. Es ist selbstverständlich damit nicht gesagt, daß diese 
Zweige überhaupt keinen Veränderungen unterliegen können: in verschiedenen 
Jahren kann die Quantität des ins Barents-Meer sich ergießenden Golfstrom- 
wassers verschieden sein, damit kann auch die Mächtigkeit jedes einzelnen 
Zweiges gewissen Schwankungen unterworfen sein; der Zweig wird breiter 
oder enger; auch innerhalb eines Zweiges beobachtet man gewisse Ver- 
änderungen in der Verteilung von salzreicheren und salzärmeren Teilen des- 
selben; außerdem verschiebt sich die Südgrenze der Nordkapströmung je nach 
den größeren oder kleineren Massen des Küstenwassers nordwärts oder süd- 
wärts usw. Aber soweit unsere Erfahrungen reichen, wird jeder Zweig als 
Regel immer ungefähr in derselben Lage gefunden, immer wird sein Maximum, 
seine Achse als Regel ungefähr in derselben Breite und Länge wahrgenommen. 
So finden wir z.B. auf dem Meridian des Kola-Fjords sowohl in verschiedenen 
Jahreszeiten wie in verschiedenen Jahren zunächst einen Zweig der warmen 
Strömung ungefähr unter 71!/,° bis’ 71? N-Br., dann ungefähr unter 721/,° N-Br., 
unter 731/,” bis 74° N-Br. und schließlich einen vierten Zweig ungefähr von 
75° 10’ N-Br. an. Unten findet der Leser näheres hierüber, 
Die erste Teilung des Nordkapstromes findet sehr bald statt. Eine 
bedeutende Erhebung des Meeresbodens ungefähr unter 72° N-Br. (und etwas 
nördlicher) zwischen 25’ und 29’ O-Lg. teilt das Bett des Nordkapstromes in 
zwei Teile: einen tieferen und breiteren nördlichen und einen flacheren und 
enveren südlichen. In den ersteren tritt die Hauptmasse des Golfstromwassers 
» F. Nansen. The bathymetrical features of the North Polar Seas, with a discussion of 
ihe continental shelves and previous oscillations of the shore-line. The Norwegian North Polar 
Expedition 1893—1896. Vol. IV. XIIL. 1904.
	        
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