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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 33 (1905)

Ann. d. Hydr. ete., XXXIIL Jahrg. (1905), Heft VI 
x 
3 
Hydrologische Untersuchungen im Europäischen Eismeer. 
Von N. Knipowitsch. 
(Hierzu Tafel 7.} 
Fortsetzung] 
II. Ein allgemeines hydrologisches Bild des Europäischen Eismeeres. 
Längs. des Randes der Kontinentalstufe Norwegens bewegt sich nach 
Norden der Golfstrom, als eine mächtige Schicht warmen und salzreichen 
Wassers oberhalb der kalten und relativ salzarmen Bodenschichten.. An der 
Nordspitze Europas eröffnen sich zwei Wege für die weitere Bewegung des 
Golfstromwassers: einerseits weiter nach Norden den Rand der Kontinental- 
stufe entlang westlich von dem unterseeischen Plateau der Bären-Insel und dem 
Küstengebiet von Spitzbergen, anderseits nach Osten zwischen dem Plateau der 
Bären-Insel und den Küsten von Finnmarken ins Barents-Meer, Dadurch findet 
die erste Spaltung des europäischen Golfstroms statt. Ein großer Teil des Golf£f- 
stromwassers wird durch die Erdrotation nach Osten abgelenkt und tritt als 
mächtige Nordkap-Strömung (Nordkap-Strom) zwischen der Nordspitze 
Europas und dem Plateau der Bären-Insel und der Hoffnungs-Insel in das 
Barents-Meer hinein. Da dieses Meer im ganzen relativ seicht ist und sogar 
die Tiefen von über 300 m nur einen geringen Teil des gesamten Areals ein- 
nehmen, so ergießt sich nur der kleinere Teil des Golfstromwassers hinein, 
während der nach neueren Untersuchungen bedeutend größere Teil desselben 
seinen Weg nach Norden fortsetzt, als eine mächtige warme Strömung, welche 
wir als Spitzbergen-Golfstrom bezeichnen können. ; 
Dieser nördliche Hauptzweig des europäischen Golfstroms fließt nun 
den Rand der Flachsee des Barents-Meeres entlang, westlich von den Bänken 
der Bären-Insel. Nördlich vom Plateau der Bären-Insel gibt er entsprechend 
dem Bodenrelief einen kleineren Zweig nach Nordosten ab, welchen wir als 
Südspitzbergen-Golfstrom bezeichnen können. Dieser relativ schwache 
Zweig scheint sich bald wieder zu teilen, wobei der eine Teil des Golfstrom- 
wassers weit in den Stor-Fjord eindringt, während der andere, und zwar der 
größte, sich wahrscheinlich südlich von Stans Foreland nach Osten fortsetzt. 
An den Westküsten von Spitzbergen fließt der Golfstrom (West-Spitz- 
bergen-Golfstrom), wie erwähnt, längs des Randes der Kontinentalstufe, 
von der Küste durch das verhältnismäßig salzarme und kalte Wasser des 
Küstengebiets abgetrennt, als eine sehr dicke Schicht warmen Wassers, dessen 
Temperatur in der Richtung nach Norden, mit Ausnahme der oberen Schichten, 
sehr langsam abnimmt. Sowohl an der Westküste von Spitzbergen wie 
nördlich davon liegt die untere Grenze des Wassers mit der Temperatur über 
0° in der Tiefe von über 700 m. 
Die Kontinentalstufe wird an der Nordwestspitze von West-Spitzbergen 
beträchtlich enger und der Golfstrom ist hier sehr wenig von der Küste ent- 
fernt.!) Hier trifft der Golfstrom eine bedeutende Bodenerhebung,”) die nach 
der Vermutung von Prof. Nansen sich fortsetzt und den Nordatlantischen 
Ozean von dem Nordpolarbassin trennt, gibt nach Nansen einen Zweig nach 
Westen ab) (was indessen von Prof, O. Pettersson ‚entschieden in Abrede 
gestellt wird*) und ergießt sich dann in das Polarbassin. Durch die Erd- 
rotation‘ wieder nach Osten abgelenkt, folgt er dem Rande der geringen 
Tiefen nördlich von Spitzbergen in der Richtung nach Nordost; Je nach den 
Jahreszeiten und Jahren wird der westspitzbergische Zweig des Golfstroms 
1) Vgl. die Station XXX von Makarow. 
2) Dies zeigen schr deutlich die Stationen XXXI (79° 41’ N-Br., 4° 5& O-Lg.) und‘ XXIV 
(S0° 39’ N-Br., 4° 57 O-Lg.) von Makarow; auf der ersten ist die Tiefe 2857 m, auf der zweiten 
700m. Vgl. auch die Karte I in H. Mohn’s »Nordhavets Dybder, Temperatur og Strömninger«. 
3) Fridtjof Nansen. "The Oceanography of the North Polar Basin. S. 413. 
*4) O. Pettersson. On the influence of ice-melting on the oceanie cireulation; Geographical 
Journal. 1904. 
Ann. d. Hyar. ete.. 1905. Heft VTT
	        
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