‚Walther: Die englische Südpolar-Expedition und ihre Ergebnisse, 977
gestellt: worden; diese Entdeckungen lassen die zum Teil etwas zweifelhaften
Landfeststellungen zwischen Kaiser Wilhelm II.-Land und Kap Adare ebenfalls
als vorhanden erscheinen, ebenso das Kemp- und Enderby-Land nach Westen
zu. Daß alle diese Landfeststellungen die Küste. eines Festlandes darstellen,
ist im höchsten Maße wahrscheinlich. ;
Nach Scotts Annahme hängt nun das Vietoria-Land nicht‘ nur mit
dieser Küste zusammen, sondern sogar mit dem Graham-Land auf der ent-
gegengesetzten Seite des Südpols, so daß hiermit die Formation eines Süd-
Kontinents, allerdings. mit zwei großen Lücken Östlich und westlich von
Graham-Land, gegeben wäre.
Die Frage, ob das von Scott entdeckte King Edward VII.-Land eben-
falls mit zu diesem Festlande gehört oder eine Insel ist, bleibt noch ungeklärt.
In ersterem Falle würde das Roß-Meer eine große Meeresbucht bilden, deren
südlicher Teil von Eis dauernd ausgefüllt wird, welches nach Norden mit der
Eisbarriere abschließt, - Daß die Eisbarriere jedenfalls kein vorgeschobenes
Festlandeis ist, hat die Schlitten-Expedition nach dorthin erwiesen und ist
auch bereits von Borchgrevink: ausgesprochen worden.‘ ;
Das Eisfeld ist nun nach Scott im Zurückweichen begriffen und zwar
beträgt das Maß seit der ersten Entdeckung durch Roß vor 60 Jahren etwa
20—30 Seemeilen, Dies Zurückweichen fällt zusammen mit einem Schwinden
des Eises: über das ganze von der Expedition erforschte Gebiet und findet
nach den Beobachtungen der Expedition seine Erklärung durch die geringen
Niederschläge. Dieselben finden als Schneefälle hauptsächlich im‘ Sommer
statt und zwar‘ nur in geringer Menge, bis zu 5 Zoll, so daß die Verdunstung
mindestens dem Schneefall gleichkommt, wenn nicht diesen übertrifft, -
Scott erwähnt in. seinem Vortrage schließlich noch einen interessanten
Fund, nämlich. die Entdeckung fossiler. Pflanzenstoffe im Sandstein, die er-
kennen lassen, daß das Klima in früherer. Zeit ein. milderes gewesen sein
muß. Ähnliche Funde sind übrigens auch von der schwedischen Expedition
bei Graham-Land gemacht worden, .
Die Darstellungen Scotts dürften, so interessant und überzeugend sie
auch erscheinen mögen, durch die Zusammenstellung der Gesamtergebnisse
aller drei Expeditionen noch mancherlei Änderungen erfahren, Bis jetzt ist
das wissenschaftliche Material noch nicht genügend gesichtet, um sichere
Schlüsse ziehen zu können, man erwartet aber gerade von der vergleichenden
Zusammenstellung des Materials eine wertvolle Bereicherung unserer Kennt-
nisse der verschiedensten Zweige der Wissenschaft, wie des Erdmagnetismus,
der geographischen, geologischen und meteorologischen Verhältnisse, der Flora
und Fauna, der Meerestiefen und Meeresströmungen der Südpolar-Regionen.
In meteorologischer Beziehung sind die vorgenommenen Messungen in-
sofern. von besonderem Wert, als sie von allen drei Expeditionen nach vor-
heriger Abmachung gleichzeitig und nach gleicher Methode vorgenonimen
worden sind und sich daran außerdem noch alle südlich von 30° S-Br. gelegenen
Beobachtungsstationen beteiligt haben.
Am 5. März brachte uns der Telegraph aus Argentinien die Kunde,
daß die französische Südpolar-Expedition unter Charcot, welche im Herbst
1903 unternommen wurde, um die Gegend westlich von Graham-Land zu er-
forschen, glücklich in Port Madrin angekommen ist. Das Telegramm enthält
die Mitteilung, daß das Alexander-Land als vorhanden erkannt sei, aber Eises
halber nicht zugänglich gewesen sei, Mehrere ‚unbekannte Punkte des Gra-
ham-Landes seien erforscht und die Frage der Bismarck-Straße aufgehellt.
Diese Expedition ist die letzte der langen Reihe von Südpol-Expeditionen,
die seit Ende des vorigen Jahrhunderts unternommen worden sind. Vorher
war seit den Reisen von Roß, also von 1842—1898 zur Erforschung des Süd-
pols fast nichts getan. Das große Verdienst aber, das Interesse hierfür wieder
erweckt zu haben, fällt einem* Deutschen zu, dem früheren Direktor der
Deutschen Seewarte, Exzellenz Professor Dr. v. Neumayer.