Knipowitsch, N.: Hydrologische Untersuchungen im Europäischen Eismeer. 201
Materials. Für gewisse Teile unseres Untersuchungsgebiets ist jedoch die Be-
deutung älterer Beobachtungen viel größer, da neue Beobachtungen hier ent-
weder fehlen oder sehr spärlich sind (z. B. für gewisse Teile des Weißen
Meeres).
Ich gehe jetzt zu der mit dem Jahr 1898 beginnenden dritten Periode
der hydrologischen Untersuchungen über,
Die wichtigste Quelle unserer Kenntnisse über die Hydrologie des
Europäischen Eismeeres (und des Meeres an den Küsten von Spitzbergen)
bilden die Arbeiten der letzten Jahre des verflossenen Jahrhunderts und die
ersten Jahre des neuen. Die größte Rolle spielten hier die russischen Unter-
suchungen.
Die russischen Expeditionen nach dem Europäischen Eismeer und nach
den Küsten von Spitzbergen vom Jahr 1898 an gaben u. a. ein reiches hydro-
logisches Material, welches uns gestattet, die komplizierten hydrologischen
Verhältnisse dieses Gebiets in hohem Grade zu enträtseln und ein klares Bild
der physikalischen Geographie unserer nördlichen Meere sowie eine gut be-
gründete allgemeine hydrologische Karte derselben zu entwerfen, ;
Der größte Teil dieses Materials ist von der Expedition für wissenschaft-
lich-praktische Untersuchungen an der Murman-Küste gesammelt worden, Die
Expedition arbeitete anfangs (vom Mai 1898 bis Mai 1899) an der Murman-
Küste und besaß’ nur ein kleines Segelschiff »Pomor«. Vom Mai 1899 an
stand ein speziell für diese Expedition gebauter Dampfer »Andrei Perwo-
swannyi« zu ihrer Verfügung, und sie konnte das Untersuchungsgebiet. weit
ausdehnen. : Im Jahre 1899 erstreckte sich das Gebiet der Untersuchungen
von der Murman-Küste und der Südküste des Weißen Meeres bis zur Bären-
Insel im Nordwesten, bis 75° N-Br. nach Norden vom westlichen Teil der
Murman-Küste, bis 73° N-Br. nach Norden von der östlichen Murman-Küste
und bis zum Sunde Matotschkin Schar an den. Küsten von Nowaja Semlja.
Im Jahre 1900 untersuchte die Expedition das Gebiet von der Bären-Insel im
Westen bis zu Kostin Schar und Moller-Bai im Osten und von 75°. N-Br. bis zur
Südküste des Weißen Meeres, wobei sie u. a. auch den Golf Tscheschskaja oder
Tschesskaja Gübä besuchte, in welchem keine wissenschaftlichen Untersuchungen
früher ausgeführt worden. waren, Das Untersuchungsgebiet im Jahre 1901 war
von Finmarken bis Moller-Bai, Kostin Schar und zu dem östlichen Eingang in
den Golf von Petschora und von der Südküste des Weißen Meeres bis 75° 25’ N.-Br.
auf dem Meridian des Kola-Fjords. Leider wurde die wissenschaftliche Tätig-
keit des Dampfers mehrmals zuweilen für lange Zeit unterbrochen, zum Teil
wegen notwendiger Reparaturen, zum Teil aber wegen spezieller Aufträge, die
mit der Erforschung des Meeres nichts zu tun hatten,
Meine Tätigkeit an der Murman-Expedition hörte nach den Sommer-
untersuchungen im Jahre 1901 auf, und die Leitung der Expedition wurde
von L. Breitfuß übernommen. Im Jahre 1902 machte der Dampfer »Andrei
Perwoswannyi« außer Reisen an der Murman-Küste und längs des Meridians
des Kola-Fjords zwei größere Reisen: die erste nach dem Sund Matotschkin
Schar und weiter längs der Westküste von Nowaja Semlja bis 76° 28’ 30” N-Br.,
dann nach Westen bis 75° N-Br. und 30° 30’ O-Lg., nach Norden bis 75° 55’ N-Br.
und längs des Meridians des Kola-Fjords nach dem Ausgangspunkt, die zweite
im Spätherbst nach der Bären-Insel und zurück.
Die Arbeiten der Murman-Expedition haben die größte Bedeutung. für
die Hydrologie des Europäischen Eismeeres nicht nur deswegen, weil sie das
umfangreichste und am meisten planmäßige Material lieferten, sondern auch
deswegen, weil dieselben das ganze Jahr umfaßten. Viele Punkte wurden mehr-
mals zu verschiedenen Jahreszeiten besucht. Dadurch ist es zum ersten Male
möglich geworden, den jährlichen Gang der hydrologischen Veränderungen im
Eismeer genau zu verfolgen und auf diese Weise zu einer sicheren zuverlässigen
Kenntnis des Meeresklimas dieses Gebiets zu gelangen.