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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1905.
Luftspiegelungen.
Die Luftspiegelung kann die Navigierung an den Küsten mitunter
verhängnisvoll beeinflussen, da sie entfernte Landobjekte nicht immer verkehrt,
also als Spiegelung erkennbar, sondern auch aufrecht über der Kimm zeigt
und dadurch Land vermuten läßt, wo keines ist. Sie ist aber im allgemeinen
seltener, als die Hebungen und Senkungen der Kimm und obwohl in kalten
Gegenden oft beobachtet, tritt sie doch vorwiegend an Küsten ausgedehnter,
stark erhitzter Sandwüsten auf, Das Erblicken, in Wirklichkeit noch weit
hinter der Kimm liegenden Landes, was man gewöhnlich als »Luftspiegelung«
bezeichnen hört, ist übrigens in seltenen Fällen eine Spiegelung, sondern ein-
fach eine Hebung der Kimm. Der Unterschied zwischen beiden besteht darin,
daß das, was hinter dem Horizont herauskommt nicht wie auf offener See auch
eine Kimm, sondern eben Land ist.
Spiegelungen sind fast an jedem schönen ruhigen Sommermorgen zu
beobachten, beispielsweise auf der Unterelbe,. Dann erscheinen die Gegen-
stände in der Nähe des Horizonts verzerrt nach unten zu verwischt, umgekehrt
fortlaufend, und unter dem meist unvollkommenen Spiegelbild beobachtet man
einen weißlichen nebelartigen Streifen, Die Küste, hohe Inseln oder Bäume
und Baumgruppen scheinen an Vorsprüngen, die man im Profil sieht, von der
Meeresoberfläche durch einen horizontalen weißlichen Einschnitt getrennt zu
sein und in der Luft zu schweben, Die freie Kimm erblickt man durch ein
Glas wogend, zitternd wie durch heiße flimmernde Luft hindurch, mitunter
wellig, zerhackt oder doppelt, Alles dies sind sichere Zeichen, daß weder den
Höhen- noch Abstandsschätzungen zu trauen ist.
Aus der großen Masse von Berichten über außergewöhnliche Brechungs-
verhältnisse, Luftspiegelungen und Täuschungen bei Abstandsschätzungen seien
einige besonders interessante und für die Navigierung namentlich an den
Küsten lehrreiche Fälle hier aufgeführt. Man wird nunmehr an der Hand
der vorstehenden gedrängten Darstellung der Erscheinungen dieselben von
Fall zu Fall sich erklären können.
Nach dem Bericht des Kapitäns Könemann, D. »Dresden«, vom
30. April 1901 vor der Chesapeake Bay sichtete er das Feuer von Kap Charles
auf 85 Sm Entfernung, das nur eine Sichtweite von 22 Sm hat (vgl. auch
E. Knipping, »Ann. d. Hydr. etc.« 1901, Seite 320).
Daraus geht hervor, daß eine einfache aber sehr starke Hebung der
Kimm vorlag. Es mag noch darauf hingewiesen werden, daß die stark er-
hitzten Luftmassen über dem Lande sich in den oberen Luftschichten weit
über das Meer ausgebreitet haben dürften, während die kühlere Seeluft nach
der Küste zuströmend, den schließlich erfolgten Ausgleich schneller herbei-
führte. Die von den Leuchtfeuern ausgehenden Strahlen werden also in
ziemlicher Höhe über dem Meere einen großen Teil des Weges in warmer,
wenig brechender Luft zurückgelegt haben, bis sie weiter in See in die um
15° kältere Seeluft gelangten und hier nach unten zu gebrochen wurden.
Solche Fälle kann man in der Nähe von jedem großen Kontinent,
namentlich in den Sommermonaten, und im Frühjahr beobachten.
S. M. S. »Prinz Heinrich« im Kieler Hafen berichtet: »Am 28, XII. 1903.
Während des Nachmittags bei sehr sichtiger Luft und klarem Himmel war
»Stollergrund«-Feuerschiff ganz deutlich mit bloßem Auge zu erkennen, Ein
in der Nähe der Heultonne manöverierendes Torpedoboot war durch Luft-
spiegelung gehoben und erschien von übernatürlicher Größe, Auch während
der Nacht konnte man das Feuer des Feuerschiffes mit bloßem Auge erkennen.«
Der zweite Offizier, H. Jaeger, des D. »Prinz Eitel Friedrich«, Kapt.
H. Hansen, berichtet vom 20. März 1904 aus Santos:
»Um 5b 30m N, den 10. März verließen wir, nach Santos bestimmt, den
Hafen von Rio de Janeiro und passierten um 6% N. Castelhanos Huk. Als
wir gut frei von Ilha Grande waren kamen bereits die Inseln Säo Sebastiäo,
Buzios und Vietoria, also in einem Abstande von 85, 73 und 65 Sm, in Sicht.
Anfangs glaubte sowohl der erste Offizier Höfer wie auch ich, daß eine
Täuschung vorläge und dem Lande gleichgeformte Wolken über der Kimm
lagerten, jedoch blieben die uns wohlbekannten Umrisse der genannten Inseln