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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 33 (1905)

Schrötter, Frhr. v.: Der Einfluß der irdischen Strahlenbreching auf die Navigierung. 163 
Je niedriger man. steht, desto näher rückt die Kimm, infolgedessen 
haben die von: ihr in das Auge gelangenden Strahlen einen viel kürzeren 
Weg zurückzulegen, als bei hohem Standpunkte des Beobachters, und deshalb 
sollte man glauben, daß sie keine Krümmung erleiden, ‚weil sie entweder gar 
nicht. oder nur auf kurze Strecken in andere Brechungsverhältnisse gelangen, 
Dem ist aber nicht so, vielmehr sind die horizontalen Strahlen der Ablenkung 
am meisten ausgesetzt. Man überlege, um das verständlich zu finden; daß 
der Strahl, der senkrecht auf ein anders brechendes Medium fällt, nicht ab- 
gelenkt wird, je mehr Neigung er zum Lot hat, desto größer wird die Krümmung 
des Strahles, bis sie 90° sich nähernd, den größten. Wert erreicht. und 
schließlich einen negativen Wert erlangt, das heißt — es tritt Spiegelung ein. 
Daß das Gesagte wirklich auf Tatsachen, nicht bloß auf Theorie beruht, kann 
man sehr auffällig an der Küste in bekannter Gegend beobachten, beispiels- 
weise in der Nordsee an einem schönen Sommermorgen. Ein um wenige Fuß 
höherer Standpunkt zeigt uns die durch Spiegelung verzerrten Gegenstände 
in anderer oder normaler Gestalt. Denselben Versuch kann man bei der 
»Hebung der Kimm« anstellen, wenn nämlich sonst hinter dem Horizont 
liegendes Land über demselben erscheint, oder bei der »Senkung der Kimm«, 
wenn sonst sichtbares Land hinter demselben verschwindet. In beiden Fällen 
wird die Wirkung der außergewöhnlichen Strahlenbrechung eine andere sein, 
wenn man seinen Beobachtungspunkt höher oder niedriger legt. Natürlich 
gilt das nicht in allen Fällen; wo beispielsweise die erwärmten und kalten 
übereinander lagernden Luftschichten eine große Tiefe haben, wird man wohl 
erst im Topp ein anderes Bild als dicht an der Wasseroberfläche erblicken, 
Ob man einen möglichst niedrigen oder möglichst hohen Standpunkt bei un- 
gewöhnlicher Strahlenbrechung zur. Höhenbestimmung zu wählen hat, läßt 
sich. nicht voraussagen, das muß durch Beobachtungen auf See erst näher 
festgestellt werden. Vermutlich ist ein höherer Standpunkt besser als ein 
niedrigerer. ; 
Ganz anders ist die Sachlage bei dunstiger Luft, z. B. im Passatnebel, 
da hat man von Deck aus noch gute Kimm, während auf der Brücke keine 
Spur von Horizont auszumachen ist. . 
Sternhöhen sind natürlich denselben schwer kontrollierbaren Einflüssen 
ausgesetzt, wie Sonnen- und Mondhöhen am Tage; wegen der Unsicherheit der 
Kimm in der Dunkelheit sind sie an sich schon weniger zuverlässig als 
Tageshöhen. 
In hohen Breiten sollte man Sternhöhen, bei schönem ruhigen ‚Wetter 
in der Dämmerung gemessen, nicht ohne weiteres trauen. 
Abstandsschätzungen. 
Abstandsschätzungen können ebenso irreleiten wie Höhen, denn die- 
selben Zustände der Atmosphäre beeinflussen Abstandsschätzungen und Höhen 
in ähnlicher Weise, Bei der »Hebung der Kimm« erblickt man das unter 
normalen Brechungsverhältnissen hinter dem Horizont befindliche Land klar 
und deutlich meistens auch noch scheinbar vergrößert, so daß man sich dichter 
heranschätzt, als es in Wirklichkeit der Fall ist. Wenn Land, das bei ge- 
wöhnlichen Brechungsverhältnissen sichtbar bleibt, durch »Senkung der Kimm« 
hinter dem Horizont zu liegen kommt, wird man seinen Abstand vom Lande 
größer schätzen, als er in Wirklichkeit ist, Gerade dieser letztere Irrtum 
kann schlimme Folgen haben, daher sollte man Temperaturmessungen von 
Luft und Wasser nicht bloß für das »Meteorologische Journal« ‚auf hoher See, 
sondern immer in der Nähe der Küsten und in der Küstenfahrt überhaupt vor- 
nehmen, da man dann. rechtzeitig vor falschen Abstandsschätzungen gewarnt 
wird. In.den später gekennzeichneten Gewässern sollte man sich zu den an- 
gegebenen Zeiten niemals ausschließlich auf Schätzungen der Abstände. vom 
Lande verlassen, sondern auch bei schönem ruhigen Wetter und sichtiger Luft, 
namentlich in den Morgenstunden, durch Kreuzpeilungen und das Lot seinen 
Standort kontrollieren.
	        
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