162 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1905.
»solcher scharfen Kimm« an einen bedeutenden Fehler in der gemessenen
Höhe gar nicht denkt.
Gewöhnlich können für die Beurteilung der gemessenen Höhen folgende
Regeln gelten:
Ist die Luft bedeutend wärmer als das Wasser, so wird man auf eine
»Hebung der Kimm« folglich auf eine Erweiterung des Horizonts und
Verkleinerung der Gestirnshöhen schließen.
Ist die Luft bedeutend kälter als das Wasser, so wird man auf eine
»Senkung der Kimm« folglich auf eine Verengerung des Horizonts und
Vergrößerung der Höhen rechnen.
Daß recht auffallende Höhenfehler bis zu 2, 3 und 4 Höhenminuten
beim Beobachten, selbst über einer reinen, scharfen Kimm, bei wolkenlosem
Himmel, leicht bewegter See und frischem Winde, auch wenn keine starken
Temperaturunterschiede zwischen Luft und Wasser festzustellen sind, gemacht
werden, wird auf See nur bemerkt, sobald man neben der astronomischen
Beobachtung auch sichere Ortsbestimmungen nach Landmarken vornimmt, oder
wenn man mit mehreren Schiffen dicht zusammenfährt und für eine gegebene
Zeit, etwa zu Mittag, die gleichzeitig ermittelten Schiffsorte vergleicht. Auf
ähnliche Weise wurden Fehler bis zu 20 Minuten und darüber bei Höhen fest-
gestellt, die über einer reinen scharfen Kimm gemessen waren. (Beachte das
am Schlusse gegebene Literaturverzeichnis.)
Solche Fehler können auf offener See überall vorkommen, am häufigsten
in hohen Breiten, weniger oft in mittleren Breiten, ganz selten in den gleich-
mäßig erwärmten Luftschichten der Tropen. Für gewisse Küstengewässer gilt
diese Regel nicht. (Vgl. die am Schlusse aufgeführten Küstengewässer in
denen außergewöhnliche Strahlenbrechung häufig ist.)
Eine Ortsbestimmung, die man aus derartigen unsicher erscheinenden
Höhen berechnet hat, wird auf hoher See keine schlimmen Folgen nach sich
ziehen, höchstens wird am nächsten Mittag eine unvorhergesehene »Strom-
versetzung« festgestellt. Anders ist es in der Nähe der Küsten, namentlich
bei der Ansteuerung; da sollte man, wenn bei starken Temperaturunterschieden
zwischen Luft und Wasser Höhen zur Ortsbestimmung verwandt sind, trotz
scharfer Kimm und klarem Wetter, wenn möglich, das Lot zur Kontrolle
gebrauchen,
Beim Messen der Höhen beachte man, um Fehler über 4 Höhenminuten
möglichst zu vermeiden, noch Folgendes, was unmittelbar aus den eben
gegebenen allgemeinen Regeln folgt und mit den auf See gemachten Er-
fahrungen übereinstimmt,
Wie bekannt, sind die in den frühen Morgenstunden bei schönem
ruhigem Wetter gemessenen Höhen während des Hochsommers in hohen Breiten
äußerst unzuverlässig, deshalb sollte man zur Längenbestimmung spätere
Stunden wählen, in denen die während der Nacht zwischen den unteren Luft-
schichten entstandenen starken Temperaturunterschiede besser ausgeglichen
sind. Hierin liegt auch der Grund, weshalb im allgemeinen die Nachmittags-
höhen als zuverlässiger gelten wie die Vormittagshöhen, Ausnahmen sind
natürlich häufig, denn eine Hagelbö, aufquellendes kaltes Tiefenwasser oder
unvorhergesehene warme Strömungen stören das sonst vorhandene Temperatur-
verhältnis zwischen Luft und Wasser, Während frischer oder stürmischer
Winde trifft das Gesagte nicht zu, dann dürften die wie gewöhnlich ver-
besserten Höhen, oder besser nach Koß und Thun Hohenstein verbessert, inner-
halb der Grenzen von 4 Höhenminuten als richtig gelten, selbst wenn Luft und
Wassertemperatur differieren,
Man hat in neuerer Zeit Anordnungen zum Messen der Kimmtiefe und
zur Messung der Höhen über zwei verschiedene Kimmen am Sextanten an-
gebracht. Alle diese Einrichtungen bieten aber noch keine einwandfreie
Sicherheit für die Messung einer richtigen Höhe, denn man mißt eben immer
noch über der Kimm und weiß nicht, um welchen Betrag diese falsch ist.
Nur das mögliche Maß des Fehlers wird eingeschränkt.