Schrötter,. Frhr. v.: Der Einfluß der irdischen Strahlenbrechung auf die Navigierung. 161
Die Figur 5, auf den Kopf gestellt, erklärt »die Spiegelung nach
oben«, Das heißt, eine Spiegelung nach oben tritt auf, wenn sich der Beob-
achter in o unter einer warmen dünnen Luftschicht befindet in der sich die
Gegenstände spiegeln, die sich auch unter dieser Schicht befinden. Die
Spiegelung nach oben wird selten beobachtet und ist schwierig zu erkennen,
da die Gegenstände in ihren oberen Umrissen mit den Spiegelbildern zusammen-
fließen. Auf See entsteht in solchen Fällen eine doppelte Kimm. ;
Spiegelungen in der Nähe des Horizonts sind nur mit einem guten Glas
deutlich zu beobachten und richtig zu beurteilen,
Aus dieser kurzen Betrachtung erkennt man sogleich, wie verwickelt der
Vorgang der Brechungs-Erscheinungen und der Spiegelungen über oder nahe
der Kimm bei starken Temperaturunterschieden zwischen den untersten Luft-
schichten sein kann.
Die Kimm.
Man glaubte früher, bei der mittleren Kimmtiefe für die Höhen-
verbesserungen keine Korrektion nötig zu haben, obschon gerade diese Kimm-
tiefe zum großen Teile als »terrestrische Refraktion« von den Temperatur-
unterschieden der untersten Luftschichten über dem Wasser abhängig ist, Da
nun die unterste Luftschicht die Temperatur des Wassers oder der Erdober-
fläche, mit denen sie in unmittelbarer Berührung steht, annimmt und ander-
seits die über ihr lagernden oder über sie hinstreichenden von weit her
geführten Luftschichten mitunter eine ganz andere Temperatur mitbringen,
so ist verständlich, daß gerade in diesen unteren Luftschichten, in denen der
Seemann navigieren muß, nicht immer diejenigen mittleren Temperatur-
unterschiede herrschen werden, für welche die Kimmtiefenkorrektionen der
älteren nautischen Tabellen berechnet waren, Beispielsweise beträgt die
Temperatur des Meerwasser auf den Dampferwegen zwischen New York und
Europa an der Südkante der Neufundland-Bank zeitweilig + 15° bis +- 20°;
in den Wintermonaten wird bei leichten nördlichen Winden die kalte Luft von
+ 1° bis + 2° über die warme Unterluft des Golfstromwassers hinwegstreichen,
so daß Temperaturunterschiede von. 13° und darüber vorkommen.
An der Westküste von Afrika beträgt die Oberflächentemperatur des
Wassers stellenweise + 14° und weniger, während bei ablandigen Winden die
Temperatur der aus dem Innern des Kontinents stammenden Luft -+ 30° oft
überschreitet, Dieser 16° oder auch mehr betragende Temperaturunterschied
stellt das entgegengesetzte Verhältnis desjenigen von der Neufundlandbank dar.
‚ Gegenüber diesen starken Unterschieden beträgt der bei der Berechnung
der älteren Kimmtiefentafeln angenommene Temperaturunterschied zwischen
Luft und Wasser beispielsweise bei 5 m Augeshöhe nur 4°, Wohl ziehen die
in den neueren nautischen Tafelsammlungen nach Koß und Thun Hohenstein
gegebenen Kimmtiefenverbesserungen die Temperaturunterschiede zwischen Luft
und Wasser in Rechnung, aber diese Kimmtiefentafeln geben die Unterschiede
zwischen Luft und Wasser nur bis 6° bezw. 8° (vgl. »Ann, d..Hydr, ete.« 1901,
S. 167), langen also für die eben angeführten Fälle bei weitem nicht aus, und
wo sie ausreichen ist das Resultat auch nicht unbedingt zuverlässig; denn bei
Windstille und flauer Brise muß eine andere Tafel in die mit anderen
Temperaturmessungen eingegangen wird, angewandt werden, so daß Unsicherheit
entsteht, welche Korrektion anzuwenden ist. Und ob die Voraussetzung immer
erfüllt ist, daß nämlich dasselbe Verhältnis zwischen Luft und Wasser das
man an Bord feststellt, überall bis zu der mehrere Seemeilen entfernten Kimm,
herrscht, erscheint fraglich, denn die Temperatur des Oberflächenwassers kann
dicht beim Schiffe eine um mehrere Grade andere sein, als wenige Kilometer
oder Seemeilen davon entfernt. Wenn also auch die neuen Kimmtiefentafeln
keinen ganz einwandfreien praktischen Nutzen schaffen, so liefern regelmäßige
Messungen von Luft- und Wassertemperatur verbunden mit der Beobachtung
der Witterung doch einen Anhalt zur Beurteilung der gemessenen Höhen.
Außergewöhnliche irdische Strahlenbrechung tritt besonders häufig bei
schönem, ruhigem und klarem Wetter auf, wenn ein Unbefangener bei
Ann. €. Hyar. etc... 1905. Heft TV