Schrötter, Fıhr. v.: Der Einfluß der irdischen Strahlenbrechung auf die Navigierung. 159
gelegt ist, erblicken, und zwar um den Betrag y höher als der Stern in Wirk-
lichkeit steht. y in Bogenmaß ausgedrückt wird also von der über dem
Horizont gemessenen Höhe abzuziehen sein, um den tatsächlichen Stand des
Gestirns zu erhalten.
Wenn die optische Dichte der Luft ganz gleichmäßig und in demselben
Maße von oben nach der Erdoberfläche zunähme, dann würde die Berechnung
der Höhen sehr einfach und für die Zwecke der praktischen Navigierung auch
recht genau sein. Das ist aber niemals der Fall, namentlich auch nicht bei
den Strahlen, die von der Kimm in den untersten Luftschichten in das Auge
des Beobachters gelangen, denn immer läuft der Strahl durch Luftschichten,
deren optische Dichte wir nur mutmaßen, nicht genau kennen, Warme Luft
hat eine geringere optische Dichte, als kalte Luft. Bedenkt man, daß die
Oberfläche des Erdbodens und des Wassers in bezug auf Erwärmung und
Abkühlung unter ganz anderen Bedingungen stehen, als die Luft, so ist es
klar, daß unmittelbar an der Erdoberfläche die größten Temperaturunterschiede
und dadurch auch die größte Ablenkung der Lichtstrahlen von ihrer ursprüng-
lichen Richtung vorkommen müssen.
In nebenstehender Figur 2 ist die
Kurve eines Lichtstrahles von einem
Punkte der Kimm aus bis in das
Auge des Beobachters dargestellt.
Angenommen, die Tangente,
vom Auge des Beobachters in t an
die Erdoberfläche gezogen, träfe
diese in k. Diesen Punkt sieht der
Beobachter nicht, sondern unter nor-
malen Brechungsverhältnissen der
Luft einen solchen der weiter wegliegt, etwa in k’. Man überlege dabei, daß
der Strahl von k’ ausgehend, allmählich aus optisch dichtere in optisch
weniger dichte Luftschichten gelangt, dabei zwar auch gebrochen aber immer
weniger gebrochen wird, so daß die Kurve dicht an der Wasseroberfläche,
wo das stärkste Brechungsgefälle herrscht, am stärksten gekrümmt sein wird
und je näher dem Auge je mehr einer geraden Linie gleichen wird. Um die
Übereinstimmung mit dem eingangs wiedergegebenen Lehrsatz zu erkennen,
verfolge man den Strahl umgekehrt vom Auge des Beobachters von t aus-
gehend nach k‘'.
Angenommen in Figur 3 befänden wir uns an demselben Orte, bei der-
selben Augeshöhe und nun würde das Oberflächenwasser des Meeres etwa
durch eine kalte Strömung oder
durch Emporquellen von kaltem
Tiefenwasser um mehrere Grade
kälter und die unteren Luft-
schichten nähmen nach einiger
Zeit auch eine kühlere Tempe-
ratur an, dann würde das
Brechungsverhältnis zwischen den
untersten und den darüber lagern-
den Luftschichten ein anderes und
größeres werden, der Lichtstrahl
von k’ würde stärker dem Lote
zu gebrochen und gelangte deshalb
nicht bei t in das Auge des Beob-
achters, sondern fiele etwa nach o. In t würde aber der Beobachter bei derselben
Augeshöhe die weiter weggelegene Kimm bei k” sehen. Da nun der Punkt x in der
Kurve t x k” senkrecht über der mittleren, den nautischen Tafeln entsprechenden
Kimm zu denken ist, um den kleinen Betrag y höher liegt als k’, so wird man
auch die Höhe über der Kimm bei k” um den Betrag y. kleiner messen, als
über der mittleren Kimm bei k’, Deshalb nennt man diese Erweiterung des
Horizonts auch mit Recht eine »Hebung der Kimm«.
fo