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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 33 (1905)

Lütgens, R.:; O. Petterssons Untersuchungen über den Einfluß der Eisschmelze ete, 151 
X. Einführende Betrachtungen. ; 
In früheren Veröffentlichungen kommt Pettersson zu dem Schlusse, daß 
das Schmelzen von Eis in salzhaltigem Wasser Strömungen erzeugt.!) Man 
denke sich einen Eisblock von einer dünnen Metallhülse, in der sich das 
Schmelzwasser ansammeln 
kann, umgeben. Der Eisblock 
taucht 1m in das Wasser von 
+1° C. Temperatur und 354% 
Salzgehalt (Fig. 1). Durch die 
obere Öffnung a kann das 
Schmelzwasser entweichen, 
während Seewasser durch eine 
Öffnung b am Boden der Hülse 
eintreten kann. Wenn die 
Öffnung a nicht vorhanden 
wäre, so würde das leichtere 
Schmelzwasser 0.0278.1 m über 
dem Niveau des äußeren Wassers von 35% Salzgehalt stehen, So aber fließt 
es ab und stört das nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhre vor- 
handene Gleichgewicht. Durch den hydrostatischen Druck getrieben, steigt 
nun durch die Öffnung b Seewasser nach, hebt das leichtere Schmelzwasser 
und verstärkt so den abfließenden Oberflächenstrom. Das eindringende See- 
wasser wird durch Schmelzwasser verdünnt wieder leichter, steigt über das 
äußere Wasserniveau, und der ganze Vorgang wiederholt sich. Der durch den 
Dichteunterschied von Schmelzwasser und Seewasser hervorgerufene Druck- 
unterschied ist also die treibende Kraft, Die gesamte stromerzeugende Kraft 
beim Eisschmelzen berechnet Pettersson auf 4 = 0.01391.1 Kilogrammeter per 
Kilogramm geschmolzenen Eises, Es ergibt sich ferner, daß der Betrag an 
Arbeit, der beim Schmelzen von Eis in Seewasser frei wird, proportional dem 
spezifischen Gewicht des Wassers ist. Im Süßwasser ist deshalb die Arbeit = 0. 
Ferner ist die Energie proportional der Tiefe des untergetauchten Teiles, so daß 
bei einem Eisberg von 1 — 500 m Tiefe eine Energie von ungefähr 7 Kilogramm- 
meter erforderlich ist, Die zur Leistung der Arbeit nötige Wärme wird dem um- 
gebenden Wasser, das in Berührung mit dem Eise auf — 1.9° C. abgekühlt 
wird, entnommen. Teils sinkt dann das Wasser und bildet die kalten Boden- 
schichten der Ozeane, teils aber mischt es sich mit dem Schmelzwasser zum 
Oberflächenstrom. Da nun das Wasser in unmittelbarer Nähe des Eises den 
Schmelzprozeß nicht lange unterhalten kann und das abgekühlte Wasser auf- 
steigt oder sinkt, muß notwendig anderes Wasser herbeifließen und so die 
Rolle einer Unterströmung übernehmen. Dies ist die im europäischen Nord- 
meer als atlantisches Wasser bezeichnete Schicht zwischen dem abgekühlten 
Oberflächenwasser und dem kalten arktischen Bodenwasser. Das arktische 
Bodenwasser ist also nur durch die Eisschmelze verwandeltes atlantisches Wasser, 
Pettersson bestimmt nun die Gesamtenergie, die nötig ist, um die Eis- 
massen zwischen Island und Jan Mayen im Sommer zu schmelzen, Im Jahre 
der Ingolf-Expedition 1896 bestand hier im Mai eine zusammenhängende Eis- 
kante von 300 km Länge. Bis Juli waren diese Eismassen geschmolzen und 
die Energie zur Unterhaltung des ostisländischen Polarstromes verwandt. Aus 
dem Querschnitt und der Geschwindigkeit des Stromes berechnet Pettersson 
bei der Annahme, daß das Wasser des ostisländischen Polarstromes aus etwa 
Us Schmelzwasser und !7/,; atlantischem Wasser besteht, eine zur Erzeugung 
und Unterhaltung der Strömung entwickelte Arbeit von rund 400 000 Pferde- 
kräften.?) , 
Es sind also in der Gegend, in der jährlich Eis in größerem Maßstabe 
schmilzt, drei Strömungen vorhanden. An der Oberfläche fließt der Polar- 
2a 
1) O. Pettersson. Die Wasserzirkulation: im Nordatlantischen Ozean. Pet. Mitt. 1900, 
S. 61 ff,, S. 81 ff., wo auch weitere Literaturnachweise, 
2) a. a. O0. S. 85.
	        
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