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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, März 1905.
Aber beim Aufenthalt an der See kommt offenbar noch ein Moment
hinzu, welches die Lichtwirkung steigert. Man könnte denken, daß die Seeluft
sich durch eine besonders starke Radioaktivität auszeichnet. Aber gerade das
Gegenteil ist der Fall. Denn wie J. Elster und H. Geitel!) in ihren grund-
legenden Untersuchungen gezeigt haben, nimmt die Radioaktivität der Atmo-
sphäre von der Nordseeküste nach dem Innern des Kontinents hin zu, um im
Alpengebiet zu besonders hohen Beträgen anzusteigen. Die Mittelwerte für
Juist, Wolfenbüttel und Altjoch verhalten sich wie 5: 20 : 137.
Auch der scharfe Seewind allein kann nicht die Ursache des starken
Reizes respektive der Steigerung der Lichtwirkung sein. Freilich ist ja
yenugsam bekannt, daß er stark erregend auf die Haut einwirkt und daß eine
Segelfahrt auf dem Meere, zumal bei stürmischem Wetter, in besonders hohem
Maße das Einbrennen der Haut befördert. So spricht sich denn auch Linde-
mann”) dafür aus, daß das Seeklima stark reizend und erregend durch den
Salzgehalt der Luft, ‚hauptsächlich aber durch die Luftströmung und den
dadurch bedingten Wärmeverlust auf die Haut einwirkt‘.
Aber wenn auch der befördernde Einfluß der starken Luftbewegung
nicht geleugnet werden kann, so ist sie doch nicht erforderlich, um die
besprochene Wirkung auf die Haut zu erzeugen, Diese tritt vielmehr auch,
und zwar in größter Intensität, ein, wenn sich kein Lüftchen regt, Ein einziges
Bad im Sonnenschein bei spiegelglatter See reicht aus, um auf der Haut des
aus dem Binnenlande Kommenden nicht nur ein intensives Erythem, sondern
eine richtige Entzündung mit Blasenbildung und nachfolgender Abschuppung
zu erregen, wie ich das oft genug an mir selbst erfahren habe. Es ist auch
bekannt, daß Leute, die am Seestrande gern besonders stark einbrennen wollen,
ihr Gesicht mit Seewasser einreiben und sich in die Sonne legen, und daß sie
dann nicht selten recht unangenehme Hautentzündungen davontragen,
_ Hier kann es sich also nur um eine kombinierte Wirkung von Sonnen-
licht und Meerwasser handeln. Denn weder tritt ein derartiger Effekt in
dieser Intensität auf, wenn man sich im Binnenlande selbst mehrere Tage lang
der Sonnenstrahlung aussetzt, noch tritt er so schnell auf, wenn man bei
bewölktem Himmel in der See badet,
Übrigens halte ich es für sehr wahrscheinlich, daß auch der Ozon-
veichtum der Seeluft dabei eine Rolle spielt. Ich schließe dies daraus, daß es
mir nicht gelungen ist, hier in Bonn durch Einreibung meines Gesichtes mit
Seewasser eine ähnlich starke Reizung der Haut zu erzielen wie am Seestrande,
Es liegt aber anderseits nahe, gerade diesen Ozonreichtum der Seeluft auf eine
photochemische Wirkung des Salzgehaltes der Seeluft zurückzuführen.
Die mitgeteilten Tatsachen und Erwägungen ließen es mir in vielfacher
Beziehung von Interesse erscheinen, die kombinierte Wirkung des Lichtes und
Meerwassers in systematischer Weise zu untersuchen. Ob derartige Unter-
suchungen bereits anderweitig angestellt sind, ist mir nicht bekannt. Jeden-
falls habe ich in der mir zugängigen Literatur keine bezüglichen Angaben
gefunden.
Der starke Ozonreichtum der Seeluft sprach dafür, daß bei der photo-
chemischen Wirkung des Meerwassers die Aktivierung des Sauerstoffs und
eine dadurch bedingte Steigerung der Oxydation der von ihm henetzten
Materie eine wichtige Rolle spiele,
Ich stellte daher, in analoger Weise wie Jodlbauer und v. Tappeiner”)
bei dem Stadium der ‚photodynamischen Wirkung‘ fluoreszierender Substanzen,
Mischungen von Meerwasser mit oxydablen Substanzen dar und untersuchte,
ob die Wirkung der Sonnenstrahlen durch die Beimengung des Meerwassers
beeinflußt werde. Zur Kontrolle wurden gleichzeitig Mischungen derselben
Substanzen mit destilliertem Wasser dem Sonnenlicht ausgesetzt sowie die
gleichen Mischungen im Dunkeln aufbewahrt.
1) J. Elster und H. Geitel, Physikalische Zeitschrift 1904, V. Jahrg., Nr. 1, 8, 11, und
frühere Jahrgänge derselben Zeitschrift.
?) Lindemann, Das Seeklima. Leipzig 1893, S. 17.
3) Münchener medizinische Wochenschrift 1904. Nr. 26. 8. 1139.