130 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, März 1905.
steht. Die stereographische Äquatorial-Projektion bildet den Äquator und den
Mittelmeridian als Ganzes wie in ihren Teilen völlig gleichmäßig ab, gibt die
Pole als Punkte wieder und läßt die Länge der Breitenkreise vom Äquator pol-
wärts abnehmen. Die Merkatorprojektion gibt den Aquator unverzerrt, macht
dagegen die Meridiane unendlich lang und zieht jeden Breitenkreis und ebenso
die Pole bis auf die Länge der Aquators auseinander. Die hier beschriebene
Projektion endlich verkürzt den Halbäquator und seine Teile in dem Maße,
wie es die orthographische Projektion (Augpunkt im Unendlichen) tut, ver-
größert den Mittelmeridian und seine Teile in dem Maße, wie es die gnomonische
Projektion (Augpunkt im Kugelzentrum) tut, macht alle Meridiane unendlich
lang und läßt die Breitenkreise polwärts immer mehr wachsen, so daß die
beiden Pole selbst als unendlich lange Linien abgebildet werden,
Die Meridiane erscheinen, je weiter sie vom Mittelmeridian abliegen, in
desto spitzere Hyperbeln umgebogen und bestehen in 90° Längenunterschied
von der Mitte jederseits aus einer Doppelgeraden, die die Verlängerung des
Äquators bildet. Es fallen so längs dieser Grenzmeridiane die gleichen
Breiten Nord und Süd zusammen, so daß an ihnen ein Sprung in der Karte,
aine Unstetigkeit auftritt. Offenbar kann man aber an diesen Meridianen
unmittelbar auch die Karte der gleichen Projektion anfügen, die die richtige
Fortsetzung der anderen Kartenhälfte ist. Man hat dann in der ganzen Ebene
die Abbildung einer Polarhalbkugel; der Sprung in der Karte längs zweier
Meridiane ist verschwunden; dagegen finden wir ihn nun längs des Äquators,
dessen eine Seite beispielsweise die Längengrade von 0° bis 180°, dessen
andere diejenigen von 180° bis 360° angibt. Aus je zweien von vier längs
des Äquators abgeschnittenen Halbebenenkarten kann man also beliebig eine
Karte der nördlichen, südlichen und östlichen oder westlichen Halbkugel zu-
sammensetzen. Die Karte der ganzen Erde kann als eine Riemannsche
Doppelebene angesehen werden, in der der geradlinige Verzweigungsschnitt
mit Doppelübergang das Bild des Äquators ist.
Eine solche Karte einer Polarhalbkugel erinnert einigermaßen an die
Darstellung der äußeren Halbkugel in einer Weltkarte stereographischer
Polarprojektion, in der ja ebenfalls der Pol in die unendlich ferne Gerade der
Ebene auseinandergezogen wird; aber an Stelle des in der stereographischen
Karte homogen geteilten Aquatorkreises tritt hier dessen orthographische
Projektion als Doppelstrecke.
In der beigegebenen Ausführung des Abakus ist die Karte des Erd-
oktanten von 20° W-Lg. bis 70° O-Lg. auf Nordbreite in einem Viertelkreis
wiedergegeben. Man erkennt die gewaltige Flächenverzerrung z. B, durch
Vergleich Skandinaviens mit dem tatsächlich über dreimal so großen Arabien.
Die Karte könnte entweder in Afrika über den Äquator hinaus auf die Süd-
halbkugel fortgesetzt werden; dann wäre der Meridian 70° Ost die Unstetigkeits-
linie, an der z. B. Kerguelen und Zentralasien zusammenstoßen würden, Oder
die Karte wäre stetig in Asien über den Meridian 70° Ost fortzusetzen; dann
würde die Unstetigkeitslinie der Äquator sein, an dem z. B. die Sundainseln
mit Innerafrika zusammentreffen würden.
Diese eigenartige winkeltreue Projektion scheint niemals näher unter-
sucht worden zu sein; nur in Littrows Chorographie, Wien 1833, S. 142,
wird sie unter den Beispielen für winkeltreue Abbildungen kurz erwähnt, in-
dessen findet sich dort die unzutreffende Angabe, daß in ihr Meridiane und
Breitenkreise als Hyperbeln erschienen.