Koldewey, K.: Anwendung der Flindersstangen bei der Kompensation der Kompasse. 1923
Schiffes mit ihren störenden magnetischen Einflüssen auf die Kompasse
möglichst fern von ihnen zu halten, oder mit anderen Worten, der Aufstellung
der Kompasse die größtmögliche Sorgfalt zuzuwenden.!) Ist trotz dieser
Sorgfalt eine Kompensation zu großer Deviation nötig, so ist der alte Satz
der Mechanik maßgebend, daß die Wirkung einer Kraft nur durch eine gleich
große immer in entgegengesetzter Richtung wirkende, gleichartige Kraft. auf-
gehoben werden kann. Man wird also in bezug auf den Kompaß permanenten
Magnetismus nur durch. Stahlmagnete, von der erdmagnetischen Kraft im
weichen Eisen induzierten Magnetismus nur durch weiches Eisen erfolgreich
kompensieren können. Es ist also derjenige Teil des Koeffizienten B der
allgemeinen Deviationsformel, der von der Induktion der vertikalen Komponente
des Erdmagnetismus herrührt, auch nur durch eine vor oder hinter dem
Kompaß anzubringende vertikale Stange weichen Eisens für alle magnetischen
Breiten zu kompensieren,
Welche Erfahrungen sind nun in bezug auf die Anwendung dieser Art
der Kompensation gemacht worden? Zunächst ist zu bemerken, daß die beiden
Teile des Koeffizienten B, nämlich % tang J und z r nur durch Beobachtungen
auf zwei möglichst verschiedenen magnetischen Breiten gefunden werden
können; ohne eine Kenntnis oder wenigstens annähernde Schätzung der Größe
des Induktionskoeffizienten 5 ist es aber nicht möglich, die Kompensation
mittels der Flindersstange in richtiger Weise auszuführen. Die Erfahrung der
Seewarte, gewonnen aus der Bearbeitung einer großen Reihe von Deviations-
journalen, hat nun im allgemeinen folgendes ergeben: Bei Dampfern, deren
Kompasse vor den Maschinen auf und unter den Kommandobrücken angebracht
sind, ist 5 in der Regel. negativ, und zwar je nach der mehr oder minder
guten Aufstellung, in einem Betrage von — 0.06 bis — 0.12. Stehen die
Kompasse hinter den Maschinen, etwa auf einem Deckshause, so ist 7 meist
positiv, aber von weit geringerem Betrage. Bei Segelschiffen ist 5 bei einiger-
maßen gut aufgestellten Kompassen, die nicht zu nahe dem Hintersteven
und dem Ruderkopf stehen, verhältnismäßig gering und kann sowohl positiv
als negativ ausfallen. Nur allein bei Steuerkompassen, die nahe vor
großen vertikalen Eisenmassen, wie Schornsteinen, Ventilatoren, Schotten,
Ruderpfosten, stehen, kann 5 den Betrag von — 0.2 und darüber erreichen.”)
Bei einer solchen Größe werden die Änderungen im Koeffizienten B
bei starken Änderungen der magnetischen Breite so bedeutend, daß die
Deviation auf hohen nördlichen oder südlichen Breiten die zulässige Grenze
von 20° überschreitet, auch wenn der permanente Magnetismus durch Magnete
richtig kompensiert ist. So würde z. B. an der Südküste von Australien, wo
die magnetische Inklination — 68° beträgt, der Koeffizient B=— + 30° und
auf unseren Breiten — 30° betragen. Eine Kompensation mittels der Flinders-
stange erscheint in solchen extremen Fällen für Schiffe, die zwischen nord-
europäischen oder nordamerikanischen Häfen und den Südküsten der Kontinente
der südlichen Halbkugel verkehren, unerläßlich, wenn man nicht an einigen
Orten der Reise Anderungen der längsschiffs liegenden Kompensationsmagnete
vornehmen will, ;
Diese Art der Kompensation bringt indes einige Übelstände mit sich,
die zu beachten sind, und die die Anwendung beschränken. Zunächst ist fest-
zustellen, daß eine Stange weichen Eisens, welche längere Zeit in unveränderter
Lage der Wirkung der erdmagnetischen Kraft ausgesetzt ist, einen Teil
dauernden, oder vielmehr remanenten Magnetismus aufnimmt, der um so
Y) Val. „Der Kompaß an Bord«, Kap. VI, 8. 155 £f. ; ;
?) Über die Größe von zZ vgl. »Der Kompaß« an Bord«, S. 140—141.