Barth, P.: Das Wetter auf dem Nordatlant, Ozean vom 25. Sept. bis zum 13. Okt, 1903. 101
3X. Teil.
Die Berichte der Schiffe in bezug auf die einzelnen Depressionen.
Von dem Tiefdruckgebiet T. I. berichtet kein Schiff irgendwelchen
stürmischen Wind. T. II. hingegen hat mit furchtbarer Gewalt gewütet und
auf seinem kurzen Wege viel Unheil angerichtet. Der Kommandant von
S. M. S, »Vineta«, Kapt. zur See Scheder, Chef der westindischen Kreuzer-
division, sandte an seine vorgesetzte Behörde Berichte über diesen Orkan ein,
die der Deutschen Seewarte zur Verfügung gestellt wurden und die hier jetzt
im Wortlaut folgen.
Während des Aufenthaltes von S. M. S. »Vineta« im Hafen von Charlotte-
Amalie (St. Thomas) traf dort die französische Bark »Craioca« mit Nottakelage
ein und übergab S. M.S. »Vineta« folgenden Sturmbericht, der mit dem später
folgenden Bericht von S, M, S. »Vineta« selbst eine äußerst interessante Ver-
folgung des ganzen Orkans zuließ:
„Die französische Bark »Craioca« (Heimatshafen Nantes) ging mit einer
Ladung Farbholz am 16. September von Kap Haitien — Insel Haiti — nach
Havre in See, Unter Benutzung der vorherrschenden östlichen Winde segelte
die Bark mit nördlichem Kurs bis zur Passatgrenze. Das Mittagsbesteck am
26. September war: 30° N-Br. und 68° 5’ W-Lg. Der Passat hatte nun auf-
gehört, es traten Windstillen ein und später nördliche Winde, die es dem
Schiff ermöglichten, mit NO-Kurs nach Europa hinüberzuliegen. Am 26. Sep-
tember 2h N. war der Wind NW Stärke 3, das Barometer zeigte 765 mm. Der
Wind drehte nun langsam über N und war abends um 8t NO, so daß die
Bark südöstlich steuern mußte; das Barometer fiel langsam und stetig, der
Wind blieb NO und nahm an Stärke zu.
27. Sept. 2hV. Wind NO stürmisch; Barom.: 757 mm
6h V, „NO Sturm; ; » @ 3708
10h V, „ NO starker Sturm; » 1 747
12h V, „NO sehr starker Sturm: „ 1 729
Mittagsbesteck am 27. September war 28° 48’ N-Br, und 67° 45’ W-Lg.
Um dem Zentrum auszuweichen, lenzte die Bark mit südlichem Kurse
vor Wind und schwerer See, jedoch nicht lange, denn um 4h N. waren bereits
alle Segel aus den Lieken geflogen und das Schiff holte stark nach beiden
Seiten über. Um 5% N. in einer besonders starken Böe schien das Schiff
zu kentern; es lag 40° nach St-B. über, die Leeregelung vollständig im
Wasser; schwere Seen gingen über das Schiff weg. Der Kapitän ließ den
Fockmast kappen; dieser nahm das halbe Vorgeschirr sowie die Großstenge
mit über Bord und zerschlug die Reeling. Der eiserne Mast war dicht über
Deck gebrochen, Um 9h N. wurde der niedrigste Barometerstand, 721 mm,
beobachtet, der Himmel klarte auf und um 10% N, befand sich »Craioca« in
Windstille. mitten im Zentrum. Wild lief die See durcheinander, das Schiff
arbeitete so schwer, daß der Großmast dicht über Deck abbrach, die Kreuz-
stenge mitnahm, die St-B.-Boote zerschlug und über Bord fiel, Zwei Mann
der Besatzung wurden hierbei verwundet, Um 11% N. brach der Orkan mit
voller Gewalt aus SW ein, das Barometer begann langsam’ zu steigen und um
8h V, des 28. September war der Sturm passiert. Gewöhnlicher Wind aus
nördlicher Richtung kam durch bei einem Barometerstand von 761 mm. Der
Kapitän. der »Craioca« entschloß sich, das zum Wrack gewordene Schiff nach
St. Thomas zu bringen. Fünf Tage und Nächte wurde ununterbrochen an der
Nottakelage gearbeitet, dann mit S-Kurs mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit
von 4 Sm pro Stunde St. Thomas angesteuert, woselbst das Schiff am 17. Ok-
tober 1903 nachmittags im Hafen von Charlotte-Amalie eintraf.“
Einen Tag später als »Craioca« hat S. M. S. »Vineta«, die sich in der
Grassy-Bay auf den Bermuda-Inseln befand, selbst diesen Orkan überstehen
müssen und berichtet darüber, wie folgt: