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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 32 (1904)

Schwalbe G.: Der Schneesturm vom 18. bis 20. April 1903 in Ostdeutschland, 63 
Zugstraße VB in nördlicher Richtung fortzupflanzen schien, so daß für Teile 
von Österreich, sowie für das südöstliche Deutschland starke Niederschläge zu 
erwarten waren, und zwar bei der an sich noch sehr niedrigen Temperatur in 
Gestalt von Schnee. Gleichzeitig fand sich Aber auch über der Ostsee eine 
Depression angedeutet, Durch Verschmelzung dieser beiden Tiefdruckgebiete 
und Vertiefung derselben entwickelte sich nun in der Folgezeit jenes tiefe 
Minimum über Ostdeutschland, das die Veranlassung der heftigen Niederschläge 
wurde. Da, wie schon erwähnt, der Luftdruck im Osten sich bis zum 19. noch 
erheblich vertiefte, während er im Westen ziemlich hoch blieb, so verschärften 
sich die Gradienten, so daß über weiten Gebieten sehr heftiger Sturm die 
Folge war. Wie stark stellenweise das Unwetter gebhaust hat, erhellt aus 
folgenden Mitteilungen, welche teils Zeitungsberichten, teils den Nachrichten 
der Beobachter, teils den Tagebüchern der Sturmwarnungssignalstellen der 
Deutschen Seewarte entnommen sind, 
In Kletzko in Posen begann um 9 Uhr früh des 18, April ein orkan- 
artiger Schneesturm, welcher besonders nach 6 Uhr nachmittags an Heftigkeit 
zunahm. An verwehten Stellen lag am 19. der Schnee bis zu 50 cm hoch, im 
Durchschnitt etwa 19 cm. Die am 19. früh gemessene Niederschlagshöhe betrug 
38,3 mm. In Burg im Spreewalde herrschte am 19. April Schneefall bei Nord- 
westwind von der Stärke 8 bis 10. . Der auf einer Schale‘ aufgefangene Schnee 
setzte ein schwarzes, mehlfeines Pulver ab. Die Schneedecke selbst färbte sich 
gelb, später rostbraun. In Kottbus (15! km von Burg entfernt) soll der Schnee 
sogar eine schwarze Farbe gezeigt haben. Eine genaue Analyse von Schneeproben, 
welche dem meteorologischen Institut eingesandt wurden, ergab, daß diese Ver- 
unreinigungen aus Ackererde bestanden, die wahrscheinlich durch den heftigen 
Sturm aus nordwestlicheren schneefreien Gebieten herbeigeführt worden waren. 
In Breslau und besonders in Oberschlesien war der Verkehr mehrere Tage 
hindurch durch die gewaltigen Schneemassen gehemmt, am meisten wohl im 
Regierungsbezirk Oppeln. Auch war hier die Kälte eine sehr empfindliche, so 
daß zahlreiche Menschen, welche sich bei dem Schneesturme verirrt hatten, 
durch Erfrieren ihren Tod fanden. In Wedell (Neumark) waren am Sonntag 
den 19. April alle Wege verweht, so daß der Gottesdienst ausgesetzt werden 
mußte. Im Garten des Beobachters wurden von der Last des Schnees und von 
dem Sturme zwei Wachholderziersträucher glatt bie zur Erde niedergebrochen; 
unbelaubte Bäume zerbrochen oder zur Seite gedrückt u.s.f. Die Bäume im 
Walde lagen einer über dem andern. Blühende Stachelbeersträucher waren ganz 
im Schnee begraben. Gebahnte Stege waren. in wenigen Minuten nicht mehr 
zu erkennen. In Berlin herrschte am 19. April ein so starker Sturm, daß z.B. 
im Tiergarten nicht weniger als 40 Bäume umgeknickt oder entwurzelt wurden. 
Dem Sturme folgte etwa l6stündiger heftiger Schneefall, welcher vielfache 
Störungen im Verkehr der Straßenbahnen, Ömnibusse usw. veranlaßte, Auch 
in den königlichen Gärten bei Potsdam wurde durch den Sturm großer Schaden 
angerichtet; kräftige Bäume aus der Zeit Friedrichs des Großen wurden ent- 
wurzelt. Fast für die ganze deutsche Küste hatte die Seewarte am 19. April 
eine Sturmwarnung erlassen, welche für die mittlere Ostsee folgendermaßen 
lautete: „Minimum unter 744 mm Ostdeutschland. Gefahr stürmischer Winde 
aus nördlichen Richtungen“. Es wurde denn auch an der Ostseeküste ein starkes 
Steigen des Wasserstandes, schwere Schiffsunfälle usw. infolge des Sturmes 
beobachtet. . In Warnemünde stieg bei Nordnordweststurm das Wasser der 
Warnow auf 140 cm über Mittelwasser, Bei Libben strandete nach den Angaben 
der Station Wittower Posthaus ein schwedischer Schoner. Die telegraphischen 
Verbindungen waren gestört. Auch aus Stralsund und vielen anderen Orten 
wird über ein Reißen der Telegraphendrähte berichtet. In Darsserort erreichte 
die Windstärke bei starkem Schneefall zeitweise Stärke 11. Das Wasser staute 
sehr stark an, und stellenweise fanden starke Dünenbeschädigungen statt. In 
der Nähe wurde ein Fischerboot zerschlagen, sechs andere Boote auf den Strand 
geschlagen und mehr oder weniger beschädigt. Ebenso strandete bei Arkona 
ein schwedischer Schoner. Die aus Kapitän und drei Mann bestehende Besatzung 
rettete sich selbst. ahnlich schwerer Schneesturm aus Nordnordwest herrschte 
auch in Swinemünde, Ahlbeck und anderen Orten.
	        
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