Brennecke, W.: Beziehungen zwischen der Luftdruck verteilung und den Eisverhältnissen etc, 55
Hauptsache auf die an- der Schmelzkante des Polarstroms infolge des Schmelz-
prozesses freiwerdende Energie zurück, jedoch ist es sehr fraglich, ') ob diese
Kraft hinreichend sein würde zur Bewegung solch enormer Wassermassen.
Ferner kommt hinzu, daß dieser Strom in’ seiner Intensität erhebliche
Schwankungen erleidet, daß er oft völlig eisfrei ist, oft aber auch erhebliche
Mengen Eis mit sich führt. Diese Verstärkung der Strömung würde sich er-
klären lassen durch die Vertiefung der norwegischen Depression, welche eine
Verstärkung des Luftdruckgradienten und somit eine Verstärkung der westlichen
und nordwestlichen Winde zur Folge hätte.
Gehen wir nun Zu einer Betrachtung der für die ungemein eisreichen
und eisarmen Jahre hergestellten Luftdruckkarten über, so treten uns sofort
prinzipielle Unterschiede in der Luftdruckverteilung über dem Ostgrönländischen
Meer entgegen. In den eisarmen Jahren.18384 und 1889 ist das barometrische
Minimum, welches in normalen Jahren längs der Westküste Skandinaviens
lagert, vollständig verschwunden. In dem ganzen Gebiet, welches für den
Transport des Eises aus höheren Breiten in Betracht kommt (im Ostgrönländischen
Meer nördlich 70° Breite), herrschen nur geringe Luftdruckunterschiede, und die
Isobaren verlaufen in der Hauptrichtung von Westen nach Osten. Demgemäß
werden im Ostgrönländischen Meer keine nördlichen, sondern hauptsächlich
östliche Winde von mäßiger Stärke vorwiegen; die Polarströmung wird weniger
kräftig entwickelt sein wie in normalen Jahren und es wird infolgedessen auch
weniger Eis nach Süden transportiert werden. Fernerhin werden sich bei Island
infolge der hier liegenden umfangreichen Depression kräftige östliche Winde
entwickeln, welche den Polarstrom von Island fernhalten und die Tendenz. haben,
ihn gegen die grönländische Küste zu pressen und dann südwärts zu führen.
Demgemäß lauten auch die Berichte über die Eisverhältnisse in diesen beiden
Jahren. Im Jahre 1884 wurde überhaupt kein Eis bei Island gesehen, und .die
Eisgrenze im Ostgrönländischen Meer und in der Dänemarkstraße lag etwas
westlicher wie in normalen Jahren, Die Robbenfänger kamen sehr nahe an die
grönländische Küste, vor welcher nur wenig Eis lag. Auch im Jahre 1889 war
Island seit Februar völlig eisfrei, ebenso war in der Dänemarkstraße der Eis-
gürtel sehr schmal. In keinem der anderen Jahre des Zeitraumes 1877 bis 1895
waren die Eisverhältnisse an den grönländischen Küsten so günstig wie in den
Jahren 1884 und 1889, .
In den ungemein eisreichen Jahren 1881, 1882, 1888 und 1891 bemerken
wir eine gänzlich andere Luftdruckverteilung über dem Ostgrönländischen Meer
wie in den eisarmen Jahren. Die sonst nur schwache Depression bei Skandinavien
hat sich in den Jahren 1881, 1882 und 1891 bedeutend vertieft, und der Luft-
druck ist in den Monaten März bis Mai um etwa 4 mm tiefer wie in normalen
Jahren. In allen vier Jahren ist aber der Gradient zwischen Grönland und
Nordskandinavien ganz erheblich größer wie normal, und. die Isobaren verlaufen
in nordost—südwestlicher Richtung. Infolgedessen haben wir in den ungemein
gisreichen Jahren bei hohem Luftdruck über Grönland eine. außergewöhnliche
Verstärkung der Winde aus nördlichen Richtungen und demgemäß eine größere
Intensität und Ausbreitung des Polarstroms und einen größeren Transport von
Eismassen nach südlicheren Gegenden.
Ich gehe nun zu einer näheren Betrachtung der ungemein eisreichen
Jahre über, zu deren Erklärung ich einerseits auch die Eisverhältnisse in den
anderen Jahren und anderseits die Luftdruckverteilung in den Monaten, welche
dem Zeitraum März—-Mai vorangehen, berücksichtigen werde. .‘ .. .
Im Zusammenhang müssen die Eisverhältnisse der Jahre 1881 und 1882
betrachtet werden, da beide solch abnorme Eisverhältnisse aufweisen, daß ihre
zeitliche Aufeinanderfolge nicht. nur zufällig, sondern bedingt ist. Im Jahre 1881
liegen die Grenzen des Eises so weit östlich wie in keinem der anderen eisreichen
Jahre. Die Insel Jan Mayen auf dem 71. Grad nördlicher Breite ist während
der Monate März bis Juli stetig innerhalb der Eisgrenze; die Bären-Insel ist
im Mai völlig von Eis besetzt, und noch im Juli geht die Eisgrenze südlich von
Spitzbergen vorbei. Aber auch Island hat ein äußerst ungünstiges Eisjahr. Die
Berichte erwähnen, daß der Winter 1880/81 der schwerste Winter seit Jahr-
1 Confer: Nansen, Some oceanographical results of the expedition with the „Michael
Sars“. Christiania 1901, S. 156.