Ann. d. Hydr. ete., XXXII. Jahrg. (1904), Heft II,
Beziehungen‘ zwischen der Luftdruckverteilung und den Eis-
verhältnissen des Ostgrönländischen Meeres.
Von Wilhelm Brennecke, .
(Hierzu Tafel 3.)-
Bei einer Betrachtung der zahlreichen Fahrten, welche teils der wissen-
schaftlichen Erforschung der Polargebiete, teils der Erschließung und Ausnutzung
von Fanggründen an der Grenze des Eismeeres dienten, fallen die wechselnden
Eisverhältnisse auf, welche das Vordringen der Schiffe zuweilen außerordentlich
begünstigten, zuweilen gänzlich verhinderten. In dem. Ostgrönländischen Meer,
zwischen Spitzbergen, Grönland und Island, sind die Menge und Ausbreitung
der Eismassen von Jahr zu Jahr und von Monat zu Monat großen Veränderungen
unterworfen.
Während in günstigen. Jahren die Umsegelung Spitzbergens und : der
Zugang zur grönländischen Küste keine Schwierigkeiten bietet, ist in eisreichen
Jahren Spitzbergen vollständig von Eismassen umgeben; das: Erreichen der
ostgrönländischen Küste ist für die Schiffe oft unmöglich, und mächtige Kis-
felder halten den Sommer hindurch die Nord-, Ost- und zu. Zeiten auch die
Südküste Islands besetzt.
Diese wechselnden Eisverhältnisse beeinflussen unzweifelhaft die Temperatur
des Ostgrönländischen Meeres, da ein großer Teil des Eises hier infolge der
Wärme der Luft und der von Süden kommenden Strömungen geschmolzen wird;
in eisreichen Jahren wird die Temperatur des Meeres durch den Schmelzprozeß
erheblich mehr erniedrigt werden wie in eisarmen Jahren. Demzufolge wird
sich auch ‚ein Einfluß auf die Witterung der diese Meere begrenzenden Fest-
länder wahrscheinlich bemerkbar machen. Gleichzeitig ist aber anzunehmen,
daß der größere oder geringere Transport von Eis.nach südlicheren Gegenden
veranlaßt ist durch Schwankungen in der Luftdruckverteilung über dem Grön-
Jländischen Meer, da durch dieselbe die Richtung und Stärke der Winde bedingt
wird, welche eine Ausdehnung des Eises entweder begünstigen oder verhindern.
‘Diese Beziehungen zwischen der.Luftdruckverteilung und den Eisverhält-
nissen des Ostgrönländischen Meeres und den Zusammenhang außerordentlich
eisreicher oder eisarmer Jahre mit einer negativen oder positiven Temperatur-
Anomalie Islands und des nördlichen Europa festzustellen, versuchen die nach-
folgenden Ausführungen. 5
Zwischen Spitzbergen und Grönland tritt aus dem Nördlichen Eismeer
eine mächtige Strömung aus, welche sich entlang der Ostküste-Grönlands nach
Süden bewegt und ‚den Namen „Ostgrönländischer Polarstrom“ führt, Bevor
dieser’ an der Südspitze Grönlands nach Nordwest umbiegt,. hat sich” jedoch
zwischen Island und Jan Mayen der ostisländische Polarstrom abgezweigt,
welcher nach Südosten fließt und auf dem Rücken zwischen Island und den
Faröer-Inseln mit dem entgegenkommenden Golfstrom zusammentrifft. Die aus
dem hohen Norden stammenden Strömungen führen gewaltige Treibeismassen
mit sich, welche sich im Nördlichen Eismeer gebildet haben, und teils auf ihrem
Transport nach Süden im Ostgrönländischen Meer geschmolzen werden, teils mit
der Strömung, um die Südspitze Grönlands herum, in die Davis-Straße und den
Labradorstrom gelangen. VL
Die Nachrichten über die Ausdehnung dieser Treibeismassen im Grön-
Jändischen Meere sind in früheren Jahren sehr verstreut und vereinzelt; eine
Ann. d. Hydr. etc... 1904. Haft IL.