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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1904
selben ist auch notwendigerweise ein wenig willkürlich. Es mag überflüssig
sein, die Nansensche Erzählung hier anzuführen, da sie schon in dieser Zeit-
schrift (1904, S. 20 u. 21) teilweise abgedruckt ist. Nur mag daran erinnert
werden, daß die Fahrt, die unter gewöhnlichen Umständen 4 oder 5 Knoten
war, im Totwasser auf etwa 1 Knoten reduziert war; ferner, daß lange, niedrige
Wellen sich quer über das Kielwasser erstreckend gesehen wurden, und daß,
sobald die Maschine stillstand, das Fahrzeug auf weniger als eine Schiffs-
länge seine Fahrt verlor und sogar zurückgezogen wurde.
Sehr charakteristisch sind die folgenden Erfahrungen von dem Bugsier-
schiffer Herrn G. A. Larssen in Fredrikstad während seiner vieljährigen
Wirksamkeit an den Mündunugen von dem Glommen und Umgebungen. Er
3chreibt: „Es ist sehr leicht zu sehen, wenn ein Fahrzeug in Totwasser
geraten ist. Vom Bug und von der Bille des bugsierten Schiffes sowohl als
des Schleppbootes gehen dann nach rechts und links Streifen oder »Totwasser-
wellen«. Diese Streifen, die durch ganz kleine und kurze Wellen gekenn-
zeichnet sind, strecken sich schräg nach hinten, oft bis sehr weit vom Schiffe
ab. Im Drammen-Fjord habe ich solche Streifen gesehen, die sich eine halbe
Seemeile zu beiden Seiten erstreckten. Die Streifen fehlen bisweilen teilweise,
besonders oft diejenigen, die vom Schleppboote ausgehen. Hinter dem bugsierten
Schiffe folgen ähnliche Streifen quer auf dem Kielwasser. Wenn diese Streifen
längs des Ufers folgen und dann ein vertäutes Schiff erreichen, bringen sie
sehr kräftige Wirkungen hervor. Je nachdem das vertäute Schiff von einem
Streifen nach dem anderen erreicht wird, wird es nämlich wechselweise nach
vorn und nach hinten kräftig bewegt, und zwar mit solcher Kraft, daß vor-
gekommen ist, daß Schiffe, die für den Winter vertäut waren, die Taue zer-
rissen haben. Ebenso bleibt ein Schiff, das in Totwasser bugsiert wird, wenn
die Schleppmaschine gestoppt wird, fast plötzlich stehen und wird dann
wechselweise vorwärts und rückwärts bewegt, je nachdem es von den nach-
einander folgenden von dem Schiffe selbst gebildeten Totwasserstreifen erreicht
wird. Wenn alle diese Streifen vorbeipassiert sind und auf einmal die
Maschine auf volle Kraft vorwärts gesetzt wird, wird es oft möglich sein, vom
Totwasser frei zu werden. Wenn man im Gegenteil einen ziemlich kräftigen
Schleppdampfer und den Wunsch hat, das bugsierte Schiff im Totwasser fest-
zulegen, dann muß man sehr langsam angehen und nur allm@#hlich die Fahrt
verstärken. Man kann auf diese Weise das Schiff so fest im Totwasser stecken
machen, daß es nicht mit der vollen Kraft der Maschine daraus zu befreien
ist, wenn man nicht zuerst stillsteht und die Totwasserstreifen passieren läßt.“
Herr Admiral Sparre beschreibt in folgender Weise, wie Segeljachten
oftmals vom Totwasser beeinflußt werden: „Das Schiff mag bei einem seitlich-
achterlichen Wind segeln. Plötzlich sieht man einen Streifen entstehen, der
sich irgendwo von der Windseite des Schiffes seitlich nach hinten erstreckt,
Außerhalb dieses Streifens fließt das Wasser wie gewöhnlich nach hinten,
innerhalb desselben aber bildet sich ungefähr wie ein Kielwasser, bei dem das
Wasser dem Schiffe mitfolgt. Dies wurde in einem Winde beobachtet, der
anter gewöhnlichen Umständen dem Schiffe eine Fahrt von etwa 2 Knoten
geben sollte, Das Phänomen zeigt sich dem Segler, als ob ein Wasserkörper
sich vom übrigen getrennt hätte und vom Schiffe mitgeschleppt wurde. (Doch
sind diese Details mit einer Reservation wegen der Unsicherheit solcher zu-
fälligen und nicht mit besonderer Sorgfalt gemachten Beobachtungen gegeben.)
Wenn der Streifen gebildet ist, beginnt das Schiff vom Ruder ganz unabhängig
zu luven und liegt dann mit flatternden Segeln, ohne der Ruderlage zu folgen.
Es mag wohl möglich sein, es durch Rudern auf der Windseite wieder in den
Kurs zu bringen und dann eine Weile lang zu segeln, bald aber erscheint ein
neuer Streifen, und das Schiff beginnt noch einmal zu luven.“
Folgender Auszug aus einem Briefe von Herrn Kapitän H. B. Eriksen ist
auch bemerkenswert. Seine Erzählung bezieht sich auf das Kattegat und
Skagerrak, wo Herr Eriksen etwa 50 mal auf Reise zwischen Finnland und
England mit einer 5,7 m tiefgehenden Barke gewesen ist. Er schreibt: „Tot-
wasser tritt nur in schwachem Winde auf, wenn das Schiff geringe Fahrt hat.
Man merkt sehr wenig davon, wenn neulich frischer Wind aus W oder NW
zeweht hat, dagegen ist es stärker, wenn während längerer Zeit schönes