Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1904,
Ein am Morgen des 12. nördlich von Schottland erscheinendes neues
Minimum fand eine wesentlich andere Luftdruckverteilung vor, indem sich im
Rücken des letztgenannten Ausläufers hoher Luftdruck von Südwesteuropa her
über Skandinavien ausgebreitet hatte. Es entwickelte sich ein Hochdruckgebiet
über Nordosteuropa, und der Luftdruck blieb hier hoch bis zum 17., so daß dem
Minimum über dem Ozean eine mehr nordostwärts gerichtete Bahn vorgezeichnet
war. Die neue Depression entwickelte zunächst am 13. einen schmalen, längs
der Küste schreitenden, vereinzelt von Niederschlägen begleiteten Ausläufer und
breitete sich in den folgenden Tagen durch einen von der Biscaya-See her vor-
Aringenden Ausläufer über ganz Mitteleuropa bis nach dem Mittelmeere aus,
Diese Tage brachten fast überall täglich Niederschläge, und da im Rücken des
Ausläufers ein Hochdruckgebiet über dem Ozean herannahte, somit also Luft
nordwestlicher Herkunft nach Mitteleuropa geführt wurde, frat ein Rückgang
der Temperatur auch an der Küste, besonders im Westen ein; die Morgen-
temperaturen sanken durchweg unter ihre Normalwerte.
An Stelle der am 17. vom Norwegischen Meere über ganz Mitteleuropa
nach dem Mittelmeer reichenden Depression lagen am folgenden Morgen ge-
trennte Depressionsgebiete über Süd- und über Nordeuropa, geschieden durch
einen Rücken hohen Druckes, der die Verbindung der Maxima über Rußland
und dem Ozean hergestellt hatte. In diesem noch am 19. andauernden Bereiche
hohen Druckes hatte die Küste ruhiges und trockenes, aber meist nebliges Wetter.
Ein am Morgen des 20. November nördlich von Schottland erschienenes
neues tiefes Minimum breitete sich bis zum Abend bereits über Norddeutschland
aus und behauptete seine Herrschaft gegenüber einem Hochdruckgebiete über
Südwesteuropa, bis 26. über ganz Mitteleuropa meist bis zu den Alpen hin
durch die fortgesetzte Entwicklung von Ausläufern und Teilminima. Tägliche
Niederschläge über dem ganzen Gebiete und mehr oder weniger ausgebreitete
steife und stürmische Winde aus westlichen Richtungen, besonders über der
ganzen Küste am 21., 22. und 24. kennzeichneten diese des weiteren noch durch
zunächst stark steigende und dann meist in noch stärkerem Grade sinkende
Temperatur charakterisierten Tage. Besonders schwer war der im Gefolge
eines tiefen Ausläufers am 21. an der Nordseeküste aus dem Nordwestquadranten
auftretende Sturm, der viele Schiffsunfälle und Zerstörungen an Land herbei-
geführt hat; ihm fielen auch der Windsemaphormast und der Mast der Funken-
spruchstelle in Cuxhaven sowie der Mast auf Wangeroog und auf der Deutschen
Seewarte zum Opfer.
Nachdem am 26. ein Teilminimum nördlich von Schottland her ostwärts
Norddeutschland durchquert hatte, zeigten sich am folgenden Morgen die Britischen
Inseln von einem Ausläufer einer Depression über dem Ozean bedeckt; der Luft-
druck war hier über Nacht sehr stark gefallen. Ein rasch an Tiefe zunehmendes
tiefes Minimum schritt bis zum Morgen des 28, nach den Niederlanden und be-
herrschte bereits nebst den Britischen Inseln ganz Kontinentaleuropa. Während
es in der Folge längs der Küste und in der Nacht zum 30. nach Finnland
schritt, drang ein anderes Minimum am 28. bis 30. südwärts über den Kanal
nach Südfrankreich und am 30. ein drittes tiefes Minimum von der Adria in
nördlicher Richtung nach der Odermündung vor. So blieb die Küste während
der letzten Tage anhaltend im Bereiche von Depressionen und hatte deshalb
fortgesetzt täglich fast überall Niederschläge. Im Gefolge des letztgenannten
Minimums traten am 30. an der Ostseeküste stürmische nordöstliche Winde ein,
die von Rügen westwärts meist die Stärke 9 erreichten.
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