van Bebber, W. J.: Bemerkenswerte Stürme.
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Gjedser. Das Trajektschiff „Prinz Christian“ mußte unterwegs umkehren und
traf vormittags in Warnemünde ein. Jetzt ist der Sturm abgeflaut.
Köln, den 9. November. Aus ganz Westdeutschland wird ein seit Jahren
nicht mehr erlebter schwerer Sturm gemeldet, Ein Dachdeckermeister wurde
von einem hohen Hausdache weggefegt und war sofort tot. Der Telephonbetrieb
der meisten Hauptplätze Nord- und Süddeutschlands war gestört. Mehrere
Eifel-Touristen wurden durch den Sturm in höchste Lebensgefahr versetzt und
hatten stundenlang zu kämpfen, ehe sie Rettung fanden.
Hamburg, den 9. November. Die durch den Sturm verursachte Sturm-
Aut erreichte heute morgen 6 Uhr im Hamburger Hafen ihren Höhepunkt. Der
Pegel registrierte um diese Zeit -+ 7,38 m (15 Fuß 6 Zoll über Alt-Null).
Die Sturmflut in Cuxhaven, die hier in Hamburg zu einem sehr lebhaften
Warnungsschießen um Mitternacht Veranlassung gab, hat um 1'/4 Uhr eine Höhe
von + 7,52 m erreicht. Sie ist also höher gewesen als die Sturmflut hier in
Hamburg. .
. Der Schiffsverkehr war in der vergangenen Nacht infolge des Sturmes
sehr gering. Bis 6'/4 Uhr gestern abend waren noch Seeschiffe in gewohnter
Weise an die Stadt gekommen. Dann. hörte der Verkehr fast vollständig auf.
Die Bewohner der Wasserkante hatten sich, durch die Warnungsschüsse recht-
zeitig aufmerksam gemacht, gegen die Gefahr geschützt. Nur fern ab vom Hafen,
an den Alsterflethen, sind einige Überschwemmungen erfolgt. }
10. November. Der Wasserstand der Unterelbe hat sich infolge
des westlichen Sturmes andauernd auf gefährlicher Höhe gehalten. Heute
nachmittag 1% Uhr hatten wir bei „Niedrigwasser“ noch + 4,63 m (6 Fuß 2 Zoll
über Alt-Null.) Bei der letzten Sturmflut in der vergangenen Nacht hat das
Wasser die Sommerdeiche an der Oste überflutet und auf dem Belumer Außen-
deich zahlreiches Vieh ertränkt, Der Schiffsverkehr war auch heute nachmittag
minimal. Es kamen nur 5 Dampfer, 3 Küstenfahrzeuge und 1 Seeschleppzug an
die Stadt, während 7 Dampfer von hier fortgingen. Die kleineren der seewärts
bestimmten Schiffe fahren nur bis zur Elbmündung und warten dort ruhigeres
Wetter ab. Bei dem jetzigen Unwetter gehen sie nicht in See. Die auf See
befindlichen, nach Hamburg bestimmten kleineren Schiffe liegen dort beigedreht.
Nur die größeren wagen es, bei dieser Witterung in die Elbe einzulaufen.
Bergedorf. Der seit gestern herrschende NW-Sturm hat das Wasser
der Elbe nicht nur in die große Elbe, sondern auch in die Dove- und Gose-Elbe
hineingetrieben, so daß es alles Vorland hoch bedeckte. Ein eigenartiges Bild
bieten die Außenländereien in Vierlanden; wohin das Auge blickt, überall
Wasser, aus dem die Kronen der Bäume hervorblicken. Seit Durchstich der
Kaltenhofe macht sich bei Hochwasser die Flut bedeutend fühlbarer als früher,
da das Wasser jetzt ungehindert in die Elbarme getrieben wird und das Vor-
land überschwemmt. Heute zeigte sich das Elbbett in seiner ganz gewaltigen
Ausdehnung. Auch hier in Bergedorf ist das. Wasser bis an die Krone des
Deiches gestiegen; die Schiffe überragen am Schiffwasser und Schleusengraben
das Niveau der Vorsetzen, selbst der Überfall bei der sogenannten Schweins-
brücke gibt reichlich Wasser in die Bille ab.
Wilhelmshaven, den 11. November. Das Feuerschiff „Außenjade“, das
hier beschädigt eingelaufen ist, hatte bei dem in den letzten Tagen herrschen-
den Sturm viel auszuhalten. Am 8. November lag das Schiff von nachmittags
3 Uhr ab bei Ebbe und einer Windstärke von 8 bis 9 in hohem Seegange dwars
zur See und gierte zwischen den Kursrichtungen S bis SW hin und her, Es
arbeitete sehr stark und nahm unaufhörlich schwere Seen über. Das Wetter
wurde immer schlimmer, und gegen 6 Uhr abends bekam das Schiff von Steuer-
bord vorn einen so starken Brecher über, daß selbst die auf Sturmmark
gesetzten vorderen Feuer unter Wasser gesetzt wurden. Dabei riß die Anker-
kette, das Schanzkleid vorn. am Steuerbord wurde eingedrückt und wehrere
Stützen brachen.‘ Nur mit großer Mühe gelang es der tapferen Besatzung,
Segel zu setzen und die Jade aufwärts zu segeln.
Geestemünde, den 11. November. In der Nacht zum Donnerstag hat
die gewaltige Sturmflut den eben erst mit schweren Kosten errichteten Sommer-
deich in der Gemarkung des benachbarten Marschdorfes Wersabe an vier Stellen
in Länge von jedesmal mehr als 100 m durchbrochen und vollständig weg-