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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1904,
An der deutschen Nordsee wurde durch die stürmischen Nordwestwinde
das Wasser ungewöhnlich stark an die Küste getrieben und daher das Auftreten
von Sturmfluten, wie sie nur in den extremsten Fällen hier vorkommen. Hier-
von geben die diesem beigegebenen Zeitungskorrespondenzen ein anschauliches
Bild. Nach dem Nebenkärtchen in Fig. 2 liegt das Minimum am 8. abends über
Südschweden, wobei die unruhige Witterung an der deutschen Küste und auch
im Binnenlande fortdauert,
Die Wetterlage am 9. November 8 Uhr morgens veranschaulicht Fig. 3.
Das Minimum liegt mit wenig veränderter Tiefe über der mittleren Ostsee bei
Ohland, bis zu der Alpengegend Fortdauer der stürmischen Witterung ver-
ursachend. Überall sind starke Niederschläge niedergegangen: zu Karlsruhe
fielen 25, zu Aachen 25, zu Kassel 33, zu Kiel 36 mm Regen.
Hervorzuheben sind die ausgebreiteten Gewitter, welche am 8. und 9.
insbesondere in Westdeutschland niedergingen, vielfach in Begleitung von
Graupeln, stellenweise auch von Schneegestöber (Fraustadt).
Ein anschauliches Bild über den Verlauf und die Struktur des Sturmes
zu Hamburg gibt die Fig. 4 nach den Aufzeichnungen des Registrier-Anemometers
der Seewarte. Die der Windrichtung beigeschriebenen Zahlen bezeichnen die
mittlere stündliche Windgeschwindigkeit in Metern p. Sek.
Kleinere Böen wehten am 8. bis 1 Uhr nachmittags, heftigere Böen setzten
ein um 1’/4, 3, 4!/s, 10'/a Uhr nachmittags und um Mitternacht.
Zur Illustration des Sturmes mögen die nachstehenden Zeitungs-
nachrichten dienen:
Aus Cuxhaven wird gemeldet, daß die Sturmflut in vergangener Nacht
(vom 8. zum 9. November) an der Nordseeküste schwerer gewesen sei als irgend
eine seit 1881. Zahlreiche Küstenbeschädigungen und Schiffsunfälle seien vor-
gekommen.
Friedrichstadt, den 8. November. Der WSW-Sturm verursachte bei
der heutigen Springflut eine gewaltige Steigung des Wassers in der Eider, so
daß der Wasserstand gegen 3 Uhr etwa 2 m über normaler Flut war. Die ganzen
Vordeichsländereien an beiden Ufern und das große fiskalische Vorland vor
dem hiesigen Hafen standen unter Wasser. Das Wasser reichte bis an die
Deiche, und das dort weidende Vieh mußte in Sicherheit gebracht werden. Auch
die Fahrdämme an den Fähren der Untereider waren überschwemmt, und der
Fährbetrieb war deshalb stundenlang unterbrochen. Die im Hafen lagernden
Güter sowie das Material der Schiffswerft kamen ins Treiben und wurden zum Teil
weit weggeführt. Im Dorfe Seeth riß der Sturm die Kappe der dortigen Windmühle
herunter, wobei sie 100 m fortgeschleudert und vollständig zertrümmert wurde.
Husum, den 9. November. Ein furchtbarer NW-Sturm trieb das Wasser
schon gestern abend zur Ebbezeit hoch. Gegen 12 Uhr nachts riefen die beiden
Dampfsirenen und die Alarmsignale der Feuerwehr die Bewohner aus dem
Schlafe. Das Wasser im Hafen stieg plötzlich, trotzdem Hochwasser erst nach
3 Uhr morgens zu erwarten war, zu einer bedeutenden Höhe.
Glückstadt, 9. November. Bei dem NW-Sturm der letzten Nacht hat
das Wasser der Elbe hier eine solche Höhe erreicht, wie es seit dem großen
Februarsturm 1894 nicht wieder vorgekommen ist. Bei der Tide heute morgen
Kae al Wasserstandsmesser im Hafen 19!/a Fuß, also ungefähr 3 m über
ormal.
Stade, den 9. November. Eine Sturmflut, ähnlich der des 12. Februar 1894,
brachte der orkanartige Weststurm der letzten Nacht. Schon gestern nachmittag
wurde das Wasser durch den heftigen NW-Sturm zu einer ungewöhnlichen Höhe
getrieben, jedoch nahm der Sturm um Mittag an Stärke ab und lief nach Süd-
westen, setzte aber am Abend mit verstärkter Heftigkeit wieder ein, so daß
bei Eintritt der Flut das Wasser nur wenig gefallen war. Die Schwinge trat
über ihre Ufer und setzte große Strecken Ländereien unter Wasser. Auch auf
dem Lande hat der Sturm arg gehaust, Bäume entwurzelt und Häuser abgedeckt.
AusKiel werden mehrere Strandungen infolge des anhaltenden „SW-Orkans“
gemeldet. Die Schießübungen der Kriegsflotte bei Laboe wurden eingestellt.
Aus Warnemünde meldet die „Voss. Ztg.“: Der WSW- Sturm in
Stärke 10 verhinderte das Auslaufen des Trajektschiffes „Friedrich Franz“ nach