Reuter, W.: Die Beobachtung der Kimmtiefe,
Die Vorrichtung, welche Kimmprisma
genannt wird, besteht aus einem abge:
stumpften, rechtwinkligen Glasprisma ab cd,
das mittels einer Aluminiumfassung an der
Handhabe des Sextanten befestigt ist und
vor den großen Spiegel gesetzt oder zurück-
geschlagen werden kann. Ich gebe die neben-
stehende Figur (1) nach Dr. Kohlschütter
(„Ann. d. Hydr. etc.“ 1904,.S. 84).
Aus der Zeichnung ist der Gang der
Lichtstrahlen klar ersichtlich. Alles ist
höchst einfach, wenn die Stellung des
Prismas richtig ist. Auf einen Mangel
des Kimmprismas hat schon Dr. Kohl-
schütter aufmerksam gemacht, nämlich .
daß das Bild der rückwärtigen Kimm K‘ durch die vierfache Spiegelung ‚so
geschwächt werden würde, daß es nur bei heller Witterung sichtbar sein könne.
Ich bemerke noch, daß auch das Gewicht des Prismas ziemlich bedeutend sein
muß, da seine Hypotenuse wohl nicht unter 10 cm sein darf, wenn es über den
Kopf des Beobachters das Bild der rückwärtigen Kimm: aufnehmen soll. Die
Höhe des Prismas muß doch etwa 1,5 bis 2 cm und seine Tiefe 3,0 cm betragen.
Da nun das spezifische Gewicht des Glases zwischen 2 und 3 liegt, so würde
das Gewicht des Prismas mindestens 100 g sein. — Die Lichtstrahlen müssen,
wenn die Winkel richtig gemessen werden sollen, parallel der Sextantenebene
sein. (Herr Dr. Kohlschütter setzt dies stillschweigend voraus.) Dies kann
jedoch nur erreicht werden, wenn das Prisma fest mit dem Rahmen des
Instrumentes verbunden ist und nicht bloß, etwa wie die Blendgläser, vor-
geschlagen wird. Nun könnte das Prisma entweder auf dem Sextantenrahmen
selbst angebracht sein; dann müßte die Kathete cd parallel dem kleinen
Spiegel s, also die Kathete ab | 8 sein, Man würde nun das Bild der rück-
wärtigen Kimm dadurch mit der direkt gesehenen Kimm zur Deckung bringen
können, wenn man die Alhidade um den doppelten Betrag der Kimmtiefe
zurückschöbe. Wäre die Indexberichtigung Null, so würde man auf dem Vor-
bogen die doppelte Kimmtiefe ablesen. Das Prisma könnte aber auch mit der
Fußplatte des großen Spiegels, also mit der Alhidade, fest verbunden werden;
dann müßte die Kathete cd parallel dem großen Spiegel S, also die Kathete
ab | S sein. In diesem Falle müßte man die Alhidade auf dem Hauptbogen
um die doppelte Kimmtiefe vorwärts bewegen, um das Bild von K‘ mit K zur
Deckung zu bringen. Unter denselben Voraussetzungen wie oben würde man
dann auf dem Hauptbogen die doppelte Kimmtiefe ablesen. In beiden Fällen
muß aber vorher die Stellung des mit dem Sextanten fest verbundenen Prismas
geprüft werden. Die senkrechte Stellung der spiegelnden Flächen cd und ab
ließe sich leicht in derselben Weise feststellen wie die des Kimmspiegels.
Durch geeignete Schrauben würde man die Neigung der Spiegelflächen ab und
cd leicht berichtigen können. Diese Berichtigung ist notwendig, weil gerade
bei Winkeln in der Nähe von 0° und 180° der Einfluß eines Neigungsfehlers
groß ist. Wie will man aber prüfen, ob entweder cd|/s oder cd||S ist, je
nachdem man das Prisma mit dem Rahmen des Instrumentes oder mit der
Alhidade verbunden hat? Es gibt kein Mittel, wenigstens ist mir ein solches
nicht bekannt, dies durch Beobachtungen mit dem Sextanten festzustellen, und
damit ist klar, daß diese Vorrichtung nicht dazu dienen kann. die Kimmtiefe
selbst zu bestimmen. .
Um diese Behauptung zu rechtfertigen, werde ich eine Vorrichtung be-
schreiben, wie sie fast bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts im Gebrauch
war. Instrumente, welche mit dieser Vorrichtung versehen sind, werden noch
bei manchen Navigationsschulen zu Unterrichtszwecken benutzt; auch erinnere
ich mich, in der Modellsammlung der Seewarte einige derartige Instrumente
gesehen zu haben. Diese alten Instrumente hatten außer dem gewöhnlichen
Kimmspiegel noch einen zweiten, der zwischen dem Gradbogen und dem
vyewöhnlichen Kimmspiegel in derselben Weise wie dieser mit dem Rahmen des
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