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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1904,
4. Haben zeitliche erdmagnetische Störungen Bedeutung für die Navi-
gation? In der Zeitschrift „Nature“ vom 15. September d. J. wirft anläßlich
des Unterganges des dänischen Dampfers „Norge“ Herr August Krogh vom
physiologischen Laboratorium zu Kopenhagen die Frage auf, ob zeitliche erd-
magnetische Störungen den Kompaß der modernen Schiffe bis zu einem solchen
Grade beeinflussen können, daß die Navigation dadurch gefährdet wird.
Nach den bisherigen Angaben sollte der Kurs den Dampfer „Norge“
etwa 25 Sm südlich vom Rockall-Felsen vorbeiführen. Die letzten Beobachtungen,
durch welche Schiffsort, Kompaßdeviation und die Abwesenheit einer Strömung
festgestellt worden waren, wurden nur 12 Stunden, bevor das Schiff auflief,
ausgeführt und zeigten nichts Ungewöhnliches.
Eine plötzliche und beträchtliche Anderung der Deviation des Kompasses
würde die Abweichung von dem wirklichen Schiffsort und dem nach der Logg-
rechnung erklären können.
Herr Krogh hält diese Ansicht durch Mitteilungen von zwei Schiffs-
führern über solche beobachteten Anderungen für unterstüzt.
Es berichtet Kapitän Hveysel, Dampfer „L. H. Carl“: Vor einigen
Jahren befand ich mich auf einer Reise von den Vereinigten Staaten Amerikas
nach Dänemark auf dem größten Kreise von Neufundland nach Pentland Firth.
Ungefähr 200 Meilen westlich von Rockall hatte ich den Schiffsort zu Mittag
durch Sonnenbeobachtungen genau festgestellt, aber da der Himmel am Abend
klar war, bestimmte ich Breite und Länge durch Sternbeobachtungen aufs Neue
und fand zu meinem KErstaunen, daß das Schiff in einer Richtung Fortgang
gemacht hatte, die etwa einen Strich südlicher (!) war, als sie die Loggrechnung
ergab. Durch Beobachtung des Polarsternes wurde in der Tat bestätigt, daß
beide Schiffskompasse eine bisher unbekannte östliche Deviation von 10 bis 11°
angenommen hatten. Das Wetter war schön, aber ein schwaches Nordlicht
wurde beobachtet, das ich als die Ursache der magnetischen Störung ansah.
Der Kurs wurde in Übereinstimmung mit der neuen Deviation gesetzt, aber ich
fuhr fort, den Polarstern zu peilen, und beobachtete, daß gegen Mitternacht
die Kompasse zu ihrer normalen Deviation zurückkehrten, während das Nord-
licht verschwand,
Weiter berichtet Kapitän F. W. Horner, Dampfer „Elixir“ von West
Hartlepool: Während einer Reise von Port Inglis, Florida, nach Linhamn,
Schweden, zwischen dem 24. Juni mittags und dem folgenden Mittag, in der
Nähe des Rockall-Felsens fand ich durch Sonnenbeobachtung, daß die Kompaß-
deviation um 9° sich geändert hatte, wodurch mein Schiff 25 Meilen aus dem
Kurse nach Norden (!) abgewichen war. Ich steuerte, um 20 Meilen Nord von
Rockall vorbeizugehen und fand durch Beobachtung am Mittag des 25. Juni,
daß ich 45 Meilen nördlich davon passiert war. Nach Passieren von Pentland
Firth kehrte der Kompaß auf seinen normalen Stand zurück.
Vergleicht man die beiden Berichte, so bemerkt man zunächst, daß nach
dem einen Bericht eine Abweichung vom Kurse nach Süden in dem zweiten
nach Norden und dementsprechende entgegengesetzte Deviationsänderungen statt-
gefunden hätten. Der erste Bericht erwähnt die gleichzeitige Erscheinung eines
Nordlichtes, wodurch auf eine gleichzeitige erdmagnetische Störung zu schließen
sein würde, während der zweite Bericht, der sich auf die Zeit des „Norge“-
Unfalls bezieht, keine Mitteilungen über Begleiterscheinungen machte. Dabei
sei bemerkt, daß nach Mitieilung des Kaiserlichen Observatoriums zu Wilhelms-
haven am 25. Juni d. J. keine erdmagnetische Störung daselbst beobachtet
worden ist.
Von einer dauernden örtlichen erdmagnetischen Störung in der Umgebung
des Rockall-Felsens ist nichts bekannt, auch auf der deutschen Tiefseeexpedition
der „Valdivia“ ist keine solche Störung bemerkt worden.
Es bleibt also nur die Frage übrig, ob in der Tat zeitliche erdmagnetische
Störungen so große Kompaßabweichungen, besonders an Bord eines Schiffes,
wie die oben geschilderten hervorbringen können, die dann allerdings die Navi-
gation gefährden würden, wenn sie nicht rechtzeitig bemerkt werden.
An sich beitragen die Schwankungen bei magnetischen Störungen in der
Deklination in größerer Entfernung von den magnetischen Polen der Erde
höchstens nur wenige Grade, in der Horizontal- und Vertikalintensität nur wenig