Schulze, F: Pastor Mauritius Rachels Geistlich Seekompaß.
Gegend von Kali-Kut auf dem Indischen Meer, soll. vom Brachmonat an biss
zum Schlachtmonat immer ein Ostwind wehen und in den folgenden 6 Monaten
einer aus West. Die Göttliche Vorsehung hat die Winde erschaffen, daß die
Lufft nicht stille stehe, noch faul und schädlich werde, Sie bringen Wolken
und Regen, Fruchtbarkeit und befördern Handel und Wandel, da sie die Schiffe
fortbringen, ;
Leider aber müssen wir nun auch von den Sturmwinden in unserm Lande
hören, wie einer z. B. 1634 am 11. des Schlachtmonats gewesen und das
Wasser so hoch getrieben, daß es sich über Stormarn, Eyderstedt u. s. w.
ergossen und einen großen Schaden angerichtet. Abermalen 1654. am 2ten des
Augustmonats. So wie auf dem Lande kann er aber auch auf See Euch finden.
So haben die Schiffsherren andere Winde, für welche sie sich fürchten müssen,
als der Wirbelwind. Dieser wird benannt nach dem Griechischen: Schlagen,
was man dort nennet „typtein“, weil er so hefftig auf die Schiffleut zuschlaget.
Der Typhon entstehet schleunig und wehet mit Hefftigkeit im Ring oder Kringk,
reisset zu Zeiten mit sich umb, alles was ihm vorkömmt. — —
. Es würde nun eine strafwürdige Vermessenheit sein, sich zu unrechter
Zeit der wilden See anzuvertrauen. Die rechte Zeit zu schiffen ist der Sommer.
Er ist viel bequemer als der Winter, sowohl wegen der Winde, die dann nicht
so ungestüm, als auch wegen des Wassers, das im Sommer saltziger und daher
die Last der Schiffe besser zu tragen geeignet ist (I!)
Rachel. giebt uns verschiedene Beispiele unglücklich verlaufener Winter-
reisen und meint, möchte dieses eine Warnung seyn auch unsern Schiffern, daß
sie zu Winters Zeit sich wohl vorsehen und den Belt nicht besegeln, damit
nicht gleiches Unglück -ihnen zu stoße!. Aber Gott strafet die Bossleut mit-
unter durch Sturmwinde und Schiffbruch und andern unerträglichen Schaden.
Denn, wenn auch vielen es wär zu nah geredet, so „findet man doch kein ärger
Volck, als eben etzliche der Schiffsleut. Denn viele unter ihnen meinen zwar,
es sey eine so große Sünde nicht, zur See zu rauben, und daher könne kein
große Straff sie überfallen. Aber man hat doch noch wenige Seeräuber gesehen,
die nicht endlich zur Straff gezogen“, Zu diesen rechnet Pastor Rachel uns
gewissenhaft vor: Claus Störtebecker, Gödtgen Michel, Wieboldt u. a. Auch
zwei, anscheinend noch frische, Fälle führt er an, zweene Seeräuber, die auf
die Englischen hielten, deren Einer Zanger Hoboden hieß und ein Lüneburger
war. Sie hatten großen Raub von den Englischen genommen und führeten nun,
zu keck geworden, in fliegendem Sturme die großen Segel. So haben sie sich
selben umgesegelt. und sind mit allem, was sie den Kauffleuten geraubt, den
Fischen zu Theil geworden. — Bey vielen Schiffleuten wird auch die über-
mäßige Lust zu sauffen gefunden, und das ist, fährt Rachel recht ironisch fort,
bey ihnen die Danksagung, so sie dem Höchsten für Erhaltung von Schiff, Gut,
Leib und Leben schuldig sind.
Haben sie die Reise abgelegt und sind gegen Winterszeit wieder zu
Hause, da muß. alsbald gesoffen seyn. Da müssen die Violen klingen und die
armen Steine auf der Gassen noth leiden. Da gehet es an ein Jauchtzen und
Schreyen, als wenn Alles zu boden gehen sollt. Dies aber vermeynen sie, sey
an ihnen eine löbliche Tugend und müsse geschehen, es mögen die Zeiten noch
so elend und kümerlich seyn! Es ist dies undankbar gegen Gott, denn wenn
die Schiffleut in Nöthen seyn, dann sind, wenn sie meinen, schwerlich mit dem
Leben davon zu kommen, die Verheissungen reich. Da wollen sie Gotte
danken und den Armen gütlich thun, sie wollen zu Gottes Ehren etwas ihrer
Güter geben, wenn sie nur glücklich erst an Land gekommen und des See-
Uebels entlediget seyn!
Sie machen es aber, wie jener in der Wassernoth, der dem S. Nicolaus
gelobete, wenn er zu Lande käme: er würde ihm eine wachserne Kertze weihen,
so groß, daß sie dem Mastbaum gleichete. Als sein Sohn dies gehöret, meinte
er, woher sie soviel Wachs nehmen sollten. Da habe der Vater ihn beschwichtigt
und gemeint, an Land wollen wir sie schon von selber kleiner kriegen. „Mit
Spielen und Würffeln siehet man gemeiniglich die Schiffleute die Zeit vertreyben.“
Auch dies ist nach Rachels Ansicht ein schändlich Laster, das dem Diebstahl
vollkommen gleich steht. Denn wo Jemand gewinnet, da stiehlet er einem
Anderen das Seine ab. „Auch der Geitz ist bei ihnen tief eingewurzelt, und
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