478 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1904.
der Weise, (R. meint die Astrologie) die uns unbekannt, also auch kann der
Mond das Meer auf ein besonder Arth erheben und niedrigen. Doch mögen
wir wohl bekennen, daß wir nichts wissen und unser Wissen Stückwerk ist,
[ch aber meine, der Mond, wann er sich über den Horizont des Meeres all-
mählig erhebet, wirft er seine Strahlen quer oder seitling in das Meer. Nachdem
er dann mit dem Lichte, so er von der Sonnen entlehnet, die Dünste die im
Meere sind, erwärmet, so zerstreut und erweitert er sie, wodurch nun das Meer
anschwillt; diese Schwellung aber nennen wir Fluth. Wiederumb, wenn der
Mond allmählig von dem Mittagszirkel abläufft und zu dem Horizont sich neiget
und danach also seine Strahlen noch weiter seitwärts glimmen lässet, so ist er
nicht mehr so kräftig, und so verliehre sich das Wasser wieder; und dies sei
nun die Ebbe. Der Mond und die andern Sterne aber wollten es nicht allein
thun, dann wann dieses wäre, so würde Ebbe und Fluth anderen Meeren auch
gemeinsam seyn, weil doch alle gemeinsam von den Gestirnen bestrahlet werden.
Muß also auch eine innerliche Ursach syn, warumb diese Eigenschaft diesem
oder jenem Meere allein und nicht allen zugleich beykomme. Ist derowegen
ein innerlicher Geist oder Athem der irrenden Sterne Würkung. Es möchte
nun Jemand fragen, warumb dieses Auf- und Abfliessen nicht auch in der Ostsee
gefunden werde? Dafür setzt man nun drey Uhrsachen: Einmal, weil die Grufft
oder der Fluß des Stromes gar zu eng eingespannt ist, und dannenhero die
Menge der Himmlischen Strahlen zur Genüge nicht auffangen können. Der
Belt ist gar zu sehr nach Mitternacht belegen und dannenhero von kräftigen
Schießen der Himmlischen Strahlen so weit entfernet, daß auch der Mond mit
seinen geraden und schnurrichten Strahlen kräfftig in den Belt seine Würkung
haben könnte. Endlich gar, weil die Ostsee zu tief ist, daß die Strahlen des
Himmels es nicht durchdringen können. (?) — Die Breite und Länge des
Meeres ist erforschlich, die Tieffe aber hat zur Zeit niemand noch erfinden
können. Die Schiffsherren brauchen, sie zu erforschen, ein sonderlich Instrument,
so Bleywurff oder Loth genennet wird. Dieses Dinges kann ein Schiffer
schwerlich entbehren, weil er nur durch seine Hülffe allein erkennen kann,
wieviel Klaffter oder Faden die Tiefe, ob der Grund tauglich, und ob er an
diesem oder jenem Orthe bequemlich für Ancker liegen könne. Er möcht wohl
ohn Loth leicht stranden und weil er die Tiefe nicht weiß, auf dem Sande zu
3aitzen kommen, wie es unvorsichtigen Schiffern zu Zeiten gehet. Einer sage
mir aber doch, auf was Arth und Weise die Seeerfahrne in den Seekarten
können den Schauenden so natürlich den auffgeworfenen Sand des Westmeeres
für Augen stellen? Item die Schagen-Riffe und andere Höhen, wenn sie solches
nicht durch Hülffe des Bley-Lothes geschöpfet und erfahren hätten. Gleichwie
ein Becher voll Wassers so lange es in dem Gefässe bleibet, viel Tage stehet;
wenn es aber über den Tisch gegossen wird, so von Stund an vertrocknet,
steiget auch das Meer nicht höher, obwohl so viele Flüsse einmünden. Denn
die Wärme der Sonnen und anderer Himmlische Körper ziehet täglich viel
Dünste aus ihm und machet es dünne.
Daß es saltzig sey, bezweifelt Niemand. Gott hat es so erschaffen, der
Schiffe willen, daß sie gleich leichter darin segeln und oben gehalten werden.
Auch umb der Fischlein willen, welche ja keines andern, als des saltzigen
Meereswassers leben können. Denn das Meer ist theils ihre Wohnung, teils
Speise. Und endlich umb der Faulung willen, darumb, daß die verhütet werde.
Aber koche das Meerwasser, so wirst Du erfahren, daß eine wässrige Feuchtigkeit
herfürdünste, welche, wenn sie absonderlich gehalten wird, einen recht süßen
Schmack an sich hat. Der überbleibend irdisch Theil ist die Ursach der
Saltzigkeit gewesen. Tauchst du ein dicht Gefäß ins Meer, so wirst Du be-
Enden, daß am Boden des selben gar süß Wasser hineinkommt. Zwar sind
ihrer Viele, die dem keinen Glauben beymessen, jedoch zeigt die Erfahrung,
daß sie Unrecht haben. (!)
Die Winde sind nun hochnöthig, denn sonst könnte die Schiffahrt ja
nicht bestehen. Er ist ein häuffig aus der Erden herfürsteigender Dunst oder
Dampf, welcher, wenn er von der entgegenlauffenden Mittel-Luff:-Kälte zurück-
getrieben wird, allmählig seitlings sich beuget und dann mit sonderlicher
Hefftigkeit durch die Lufft hinstreichet. Diese Winde, so bey uns wehen, sind
zwar unbeständig, jedoch anderswo sind sie dauerhaffter. Schiffet man in die