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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1904,
Als lateinische Autoren nautischer Schriften führt Pastor Rachel bei
gleicher Gelegenheit noch unterschiedliche andere an, „als da ist: Petrus Nonius
Lusitanus (Nonius), Gemma Frisius, Rub. Hues, Jodocus Hondius, Appiarius,
Kekkermannus u. a.“ Unser seebefahrener Fehmeraner Pastor beschäftigt sich
nun im ersten Kapitel seines „Geistl. Seekompasses“ mit dem Erfinder der
Schiffahrt, als den er Gott selbst reklamiert.
„Unter den irdischen Glückseligkeiten, welche der Mensch empfindet, ist
nicht die geringste die edle Seefahrt oder Segelkunst. Den ersten Anlaß zu
dieser gab aber, nach dem Buche der Schöpfung sattsam bezeuget, der Befehl
des Herrn an Noah, einen Kasten zu machen und selbigen wohl zu verpechen,
damit er selbigen bei Überstürzung des See-Gewässers und Sündfluth sich
bedienen möchte“, Pastor Rachel führt dabei einen Kommentator der Genesis,
Raupius, an und erklärt uns des weiteren, daß das für die Arche in der Gen.
Kap. 6 gegebene Längenmaß von dreihundert Ellenbogen nicht „geometrische“,
sondern „gemeine“ habe bedeuten müssen. Namentlich dürfe man auch nicht
vergessen, daß jener Zeit die „Ellbogen“ größer gewesen seien, als „eins zu
dieser Zeit lebenden Menschen, dann sonsten wäre es unmöglich gewesen, daß
alles Vieh Raum hätte in dem Kasten finden können.“
„Für der Sündfluth hat man von keinem Schiff gewußt, sonst hätten die
Leute in der Gefahr solcher sich gebrauchen mögen! Wer nun der sei, welcher
nach dem Noah diesem Werke weiter nach gesinnet, davon wird billig gefraget.
Es sind hievon nicht einerley Meinung“. Während Diodorus Siculus dem
Neptun dies zuschriebe, der für seine Verdienste in den Götterstand erhoben
sei, wollten doch andere, wie Pastor Rachel mit zahlreichen Belegstellen aus
alten Schriftstellern weiter vermeldet, den Cretern die Ehre geben. Zum
mindesten sei unbestritten, daß sie in der Schiffahrt die allerberühmtesten
gewesen. „Denn ein altes Sprüchwort habe schon nichts als ungereimter hin-
stellen wollen, wenn man meinen könne: ein Creter sein und nichts von der
Seefahrt zu verstehen!“ „Cretensis noscit Pelagus“, sei von alters her dasselbe
gewesen, als einem Niederländer zur Jetztzeit (1662) Mangel an nautischer Er-
fahrung vorwerfen zu wollen. Rachel rettet sich aus diesem Dilemma, indem
er meint, Neptuns sei am Ende selber ein Creter gewesen! Die Griechen zum
mindesten, meint er, schrieben ihm die Erbauung der ARGO zu. Auch andere
Stimmen führt der Fehmeransche Seelenhirte an, die dem Danaus die Erfindung
der Schiffahrt zuschreiben, er geht dann zu den Phöniziern über und erwähnt
lie Tyrier. Von letzteren sagt er (Tibullus):
„Er wagt sein Schiff zur See,
Ihn schrecket nicht die Flut,
Das ungestalte Meer,
Verlust und Wankelmut,“
„Wie nun die menschliche Weisheit mit den Künsten in einer hundert-
jährigen Zeit immer höher gestiegen sei, so hätte man auch ein lebhafft Exempel
für Augen an den Schiffen und der Segelkunst. Die lieben Alten haben sich
nur bedienet der kleinen Kahnen, welche mit Rudern müssen regieret werden.
Von den grossen Segelschiffen hat man nichts gewußt. Darumb sind die Leute
immer am Ufer verblieben, wiewohl Etzliche dem Könige Erythra solches
beymessen, daß er mit Schiffen bequemer in die Inseln, welche in die Gegend
des Rothen Meeres gelegen, gekommen sey“.
„Wir haben heutigen Tages große Lastschiffe, damit wir den gantzen
Ocean beseegeln können. Den Alten ist nicht viel bekannt gewesen von der
Segelkunst, auch haben sie die Erfahrenheit des Magnetsteins nicht gehabt,
vielweniger des Kompasses, als welches seine Tugend vom ersteren erlanggt.
Wenn sie aber zur See sich begeben, haben sie die Sterne in acht genommen,
wie Horaz schon vermeldet. Lib. 1, Ode 3.“
„Der güldne Venusstern der wolle Dich regieren,
Die Zwillinge Dich itzt, o Schifflein müssen führen!“
„Wann aber der Himmel mit Wolken ist überzogen gewesen, daß sie des
Gestirns nicht wahrnehmen können, so haben sie in der Irre herumb gesegelt.
Wann dann ein Sturm sich erreget, also daß sie durch denselben auf die Höhe
des Meers geraten, haben die lieben Alten nicht obn Gefahr ihres Lebens
geschieffet, haben auch nicht wissen können, an was Ort des Meeres sie trieben.“