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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 32 (1904)

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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1904. 
der Zeit herrschte. Nur in den Rückständen des durch die Entladung ver- 
nichteten Drahtes unterscheiden sich beide Fälle in auffallender Weise. Das 
eine Mal sahen wir den Draht bis weit in die Wolken hinauf seiner ganzen 
Länge nach in der Luft und zwar wahrscheinlich vollständig verdampfen; da- 
gegen konnten wir das andere Mal jenen Regen glühender Stahlteilchen be- 
obachten und dann die niedergefallenen Rückstände des Drahts, wie schon er- 
wähnt, in Form von hohlen Kügelchen und Halbkügelchen in großen Mengen 
auf dem Felde und im nahen Moore auflesen. Ob der Schlag weniger stark 
war, und der Draht deshalb nicht bis zur vollständigen Verdampfung erhitzt 
wurde, und ob die hohle Form der Metallrückstände durch Kohlensäuregas oder 
Wasserdampf entstanden ist, muß vorläufig dahingestellt bleiben. 
Jedenfalls haben die beiden Erscheinungen im übrigen fast nur über- 
einstimmende Momente. KEine Böe zieht auf, das eine Mal aus W, das andere 
Mal aus WNW, die Drachen steigen rapide um mehrere 100 m, einmal erfolgt 
ein Graupel-, das andere Mal ein Schnee- und Regenschauer, und ein furchtbarer 
Knall mit gleichzeitig hellem Aufleuchten der Drachenleine bringt die Entladung 
zum Austrag. N 
Das Wesentlichste aber und jedenfalls Interessanteste in der Über- 
einstimmung der beiden Erscheinungen liegt unzweifelhaft darin, daß jene ver- 
hängnisvolle, die Katastrophe herbeiführende elektrische Entladung während 
des ganzen Tages überhaupt das einzige Zeugnis einer elektrischen 
Erscheinung in der Atmosphäre oder eines Gewitters gewesen ist. Nicht 
ein Blitz oder Donner weiter sind an Ort und Stelle bemerkt worden, weder 
am 16. April 1903 noch am 4. Juli 1904, 
Um 80 auffallender dies ist, um so sicherer sind wir gezwungen, an- 
zunehmen, daß jener einzige elektrische Schlag durch den die Schichten 
verschiedenen Potentials verbindenden Drachendraht direkt hervorgerufen 
worden ist. Ohne den hoch in die Luft geführten Draht wäre entweder eine 
elektrische Entladung überhaupt nicht zustande gekommen, die Wolken hätten 
sich zerteilt und die Potentiale sich allmählich ausgeglichen, oder aber, wenn 
sie doch erfolgt wäre, so wäre sie jedenfalls erst später und also auch an 
einem anderen östlicher gelegenen Orte nach Ausbildung zu einem regulären 
Gewitter erfolgt, d. h. nachdem sich die Potentialdifferenzen genügend vergrößert 
hätten, um frei und ohne äußeren Anstoß zur Entladung, wie ihn der Drachen- 
draht bietet, sich wie bei einem gewöhnlichen Gewitter zu entladen. 
Ein letzter noch denkbarer Fall, daß ein Blitz genau zu derselben Zeit 
und an demselben Ort auch ohne den Drachenaufstieg zustande gekommen wäre, 
sowohl am 15. April 1903 als am 4. Juli 1904, und in beiden Fällen der einzige 
Blitz am Tage geblieben wäre, ist äußerst unwahrscheinlich. Einmal sah der 
Himmel an beiden Tagen durchaus nicht gewitterhaft aus und dann: warum 
sollten, wenn die elektrischen Schläge auch ohne den Aufstieg erfolgt wären, 
gerade diese beiden Nahgewitter die einzigen innerhalb 1'/a Jahren in Groß- 
Borstel beobachteten sein, bei denen nur ein elektrischer Schlag am Tage be- 
obachtet ist? Am 4. Juli 1904 ist ein Donner zur Zeit der elektrischen Ent- 
ladung auch auf der Seewarte, 7 km südlich von der Drachenstation, beobachtet 
worden, während am 4. April 1903 2'/2 km südlich vou der Station, in Eppendorf, 
ein Donner gehört sein soll. 
Es ergibt sich also, daß man unter Umständen durch einen Drachen- 
aufstieg elektrisch geladene Wolken oder Gewitterwolken entladen und damit 
ein Gewitter einleiten oder wenigstens einen Gewitterschlag, der sonst nicht 
zustande gekommen wäre, an einem beliebigen Orte hervorrufen kann, oder 
aber, daß man ein sich bildendes Gewitter durch solche Entladung überhaupt 
zunichte machen oder doch wenigstens in seinem Ausbruch verzögern kann, 
da sich durch den willkürlich hervorgerufenen Entladungsschlag die Potential- 
differenzen. verkleinert und damit die Bedingungen für eine freie Entladung 
verschlechtert haben. 
Ob und wie weit man eine praktische Anwendung davon wird machen 
können, bleibt vor der Hand unbestimmt, da es ungewiß ist, in welchem Sinne 
der Entladungsschlag die Gewitterwolken beeinflussen wird; ausgeschlossen ist 
aber eine nützliche Anwendung durchaus nicht, und erfolgversprechende Versuche 
sind in dieser Hinsicht wohl möglich: zwei Dinge stehen ihnen leider sehr im
	        
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