Perlewitz, P.: Drachenaufstiege in ilrem Einfluß auf Gewitter, 471
drei Drachen zusammen kaum 20 kg betrug, nur wollten wir damit noch bis
nach dem Vorüberzug dieser Böe warten. Schon war es im Zenit wieder hell,
und schon standen wir im Begriff, den vierten Drachen anzubringen, als plötzlich
ein furchtbarer Knall wie der.des Funkens einer mächtigen elektrischen Batterie
ertönt. Als wir erschrocken aufblicken, bietet sich uns ein wunderbarer An-
blick dar: eine hell rot und weiß glühende, sanft gebogene, fast 3000 m lange
Linie zieht sich von unserem Standpunkte aus bis weit in die Wolken hinauf,
Binnen kurzem ist sie in einen gelblich roten Dampfstreifen verwandelt, der
nun langsam vom Winde verweht wird. Währenddessen hörten wir noch. ein
dumpfes, ziemlich lang anhaltendes Donnerrollen, und das Phänomen war vor-
über; die Böe und Gewitterwolke waren verschwunden, desgleichen aber auch
unsere drei Drachen mit den 3000 m Draht. Dieser war vollständig ab-
geschmolzen, respektive verdampft bis zu der Stelle, wo er das erste Rad der
Winde berührte, also der Widerstand für den Strom sehr gering wurde, so daß
er, ohne Schaden anzurichten, durch die Winde zur Erde abfließen konnte.
Dicht vor der Winde war eine Splissung im Draht gewesen, eine Stelle,
an der der Draht mehrfach liegt. Sie bot dem elektrischen Entladungstrom
weniger Widerstand als der einfache Draht und wurde daher nicht in dem
Maße, d. h. bis zur vollständigen Verbrennung des Drahtes, erhitzt. An den
Stellen der Splissung, wo der Draht nur zweifach liegt, und wo die Augen der
Splissung wie zwei Ösen ineinander greifen, sind die einzelnen Drähte aneinander
und an vielen Stellen durchgeschmolzen und in kleinen und größeren Stücken
zur Erde gefallen. Erst an dem vierfachen Drahtgeflecht in den Splissungen
hat der Strom keine merkbaren Spuren mehr hinterlassen.
Auch diejenigen Splissungen in dem abgebrannten Draht, an denen die
zwei Hilfsdrachen befestigt waren, sind in ähnlichem Zustand wiedergefunden
worden, während vom einfachen Draht nichts als jene Dampfsäule, das Ver-
brennungsprodukt des Gußstahls, übriggeblieben ist.
Bemerkenswert ist noch, daß während der Böe, kurz vor der elektrischen
Entladung, der Hauptdrache innerhalb der letzten fünf Minuten, von 11* 6min
bis 11% 11®», von 1400 m auf 1820 m gestiegen war und also 420 m Luftschicht
und damit vermutlich auch Gebiete verschiedenen elektrischen Potentials sehr
schnell durcheilt hatte; wohl ist dies starke Steigen ein Grund mit, daß es
überhaupt zu einer gewaltsamen elektrischen Entladung gekommen ist. Daß der
Draht mechanisch infolge zu starken Zuges gerissen ist, und dadurch erst eine
elektrische Entladung als Öffnungsfunke erfolgte, ist wohl: ausgeschlossen,
Am 16. April 1903 hatten wir einen diesem Beispiele sehr ähnlichen
Fall. Der oberste in den Wolken sich befindende. Instrumentdrache war, für
uns unsichtbar, während einer Schnee- und Graupelböe in wenigen Minuten von
2000 m auf 2350 m gestiegen, ohne daß sich vermutlich in der kurzen Zeit die
elektrischen Spannungen in dem dünnen Draht auszugleichen imstande waren
und dieser Ausgleich also auch auf gewaltsamem Wege durch einen Blitz am
Draht entlang geschehen mußte. Damals gingen 3600 m Draht verloren, von
denen aber nur der untere Teil abgeschmolzen war. Am Hauptdrachen war
noch ein Teil ganz unversehrten Drahtes. Der einzige Nebendrache, der sich
etwa 500 m vom oberen Drachen entfernt befand, ist nicht gefunden worden.
Ob die elektrische Entladung also vielleicht von diesem zweiten Drachen und
dessen Nebendraht ausgegangen ist, bleibt dahingestellt. Wir sahen damals im
Gegensatz zu dem vorher erwähnten Fall, wie sich .ein- heller Funkenregen,
gleichsam wie bei einem Feuerwerk, bis weit fort über das Drachenfeld ergoß,
der von den glühenden Stahlteilchen des geschmolzenen Drahts herrührte. Die
Restbestände fanden wir auf dem Drachenfeld merkwürdigerweise in Form von
kleinen Hohlkügelchen, die vielleicht daher stammten, daß die geschmolzenen
Teilchen auf die feuchte Wiese fielen oder schon während des Schmelzungs-
vorgangs in der Luft mit den gerade herniederkommenden Graupeln in Be-
rührung gekommen waren und durch den sofort sich bildenden Wasserdampf
aufgetrieben wurden. Vielleicht hat aber auch das bei der Verbrennung des
zu etwa 1°%% im Gußstahl enthaltenen Kohlenstoff sich bildende Kohlensäure-
gas die Auftreibung der Teilchen bewirkt.
. . Bei einem Vergleich beider Katastrophen ergeben sich auffallend viele
Übereinstimmungen vor allem in den Ursachen, in der Witterung, die gerade zu