. Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1904.
und Strömung über den durchweg äußerst geringen Tiefen der Strandebene
eine Anhäufung von feinem Sand und Schlamm nicht zulassen. Die Strand-
linien sind nach Nansen noch wieder jünger als die Strandebenen. — Nansen
hat bei seiner Annahme einer vergleichsweise großen geologischen Jugend
der Strandebene gewichtige Gegner gegen sich, so Reusch!) und Vogt, die
für präglacialen Ursprung sprechen; E. Richter’) nimmt interglaciale Ent-
stehung an, und A. M. Hansen!) hält überhaupt nicht eine Entstehung durch
die Brandungswelle, vielmehr eine solche durch das erodierende Eis für wahr-
scheinlich. Das Alter der Strandebene mag als zweifelhaft gelten: ihr mariner,
also nichtglacialer Ursprung dürfte aber gesichert sein. —
Was nun in zweiter Linie die Bildung der Schelfe anbelangt, so sei
auch hier zunächst die Bildung des norwegischen Schelfes erörtert. Nansen
geht davon aus, daß während langer präglacialer Epochen das Meeresniveau
ein anderes als heute gewesen sein, und zwar, daß die Fläche des heutigen
Schelfgebietes trockenes Land gewesen sein muß, In dieser Zeit erhielt der
spätere Schelf durch atmosphärische Erosion ein ziemlich unruhiges Relief; ist
er doch durchaus keine solche einförmige Ebene wie die Strandebene oder Platt-
form, die bisher geschildert wurde, sondern meistens mit charakteristischen
Terrainformen, mit Depressionen, Tälern usw. ausgestattet.) So folgen die
offenbar von früheren Flüssen geschaffenen Rinnen des norwegischen Schelfes
zwei gut erkennbaren Hauptrichtungen, einer mit der Küste ziemlich parallel
verlaufenden longitudinalen Richtung und einer dazu annähernd rechtwinkeligen.
In weit zurückliegenden geologischen Epochen müssen, wie nach den Tiefen-
lotungen auf dem Schelf zu schließen ist, die heute untergetauchten longitudinalen
Fjordtäler des Schelfes bis zu einem Niveau hinab erodiert worden sein, das
heute 500 bis 600 m unter dem Meeresspiegel liegt.
Als die Senkung dieses schon von den Atmosphärilien bearbeiteten (Land-)
Gebietes erfolgte, hatte die Tätigkeit des Meeres erleichtertes Spiel, um eine
Einebnung und Abrasion zu bewerkstelligen. Natürlich wurden dabei diejenigen
Teile, welche aus weicheren Gesteinsarten bestehen, wie z. B. die Küstenteile
von Nordland und Finnmarken, stärker abgetragen, als diejenigen Küstenstrecken,
die aus harten, archaiischen Gesteinen sich zusammensetzen, z. B. Romsdalen,
Lofoten-Vesteraalen. Hierin liegt teilweise die Erklärung für die etwas ver-
schiedene Tiefe der einzelnen Schelfpartien. In einem seewärts gelegenen Schutt-
kegel sind die terrigenen Sedimente dieser Periode angehäuft.
Die Eiszeiten haben dann den norwegischen Schelf noch mit glacialem
Blockmaterial überstreut; auch marine Ablagerungen kamen dazu, so daß der
Schelf jedenfalls an Ausdehnung seitdem nicht verloren hat. Die eigentliche
Entstehung des Schelfes fällt also vor die Kiszeit, wahrscheinlich in die
Pliocänperiode. Bis in neueste Zeiten müssen endlich sehr erhebliche und
verschiedenartige Niveauänderungen des Meeres, bald ein Steigen, bald ein
Fallen 5 Meeresspiegels, eingetreten sein, die wir hier nicht weiter verfolgen
wollen.
Überblickt man im Anschluß hieran die ähnlichen Bildungen in den
höheren Breiten des Nordatlantischen Ozeans, so z. B. den bekannten Nordsee-
schelf, den Schelf vor dem Englischen Kanal („die Gründe“ vor dem Kanal)
u. 8. f., so ist hier wie dort nicht ein einheitliches Agens die Ursache für deren
Entstehung gewesen; mehrere Faktoren haben in vereinter Wirkung diese inter-
essanten Flachseegebiete geschaffen. In erster Reihe stehen dabei immer die
subaerische Erosion und die submarine Denudation. In der Annahme, daß diese
beiden Kräfte in Tätigkeit gekommen sind, liegt zugleich die Forderung der
ferneren Annahme, daß bedeutende Niveauänderungen, vorzugsweise marine
Strandverschiebungen, damit Hand in Hand gegangen sind. Diese Schelfe von
Großbritannien und Irland, von der Westküste Frankreichs, von den Farör, von
Island, von Neufundland und wie sie alle heißen mögen, sind weder lediglich
:) Vgl. dazu Nansen, S, 111.
ö a. a. O., S. 188,
3) Hierzu vergleicht man am besten die schon auf S. 461 erwähnte Tiefenkarte im Nansen-
En Werk; auch Textfigur 1 1äßt den wesentlichen Profilunterschied zwischen Strandebene und Schelf
erzennen.
4) Nansen a. a. O., S. 166.