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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 32 (1904)

Schott, G.r F. Nansen über die Tiefenverhältnisse der. nordpolaren. Gewässer, 463 
Küstengewässer, besonders auf der Strecke‘ von Kap Lindesnaes bis nahe zum 
Nordkap, und. wenn man: diese Taf. XIa mit der großen Tiefenkarte ‘eben- 
daselbst genau vergleicht, so ergibt sich, daß, wie schon angedeutet, die Strand- 
ebene: in der Hauptsache unter dem jetzigen Meeresspiegel liegt, obschon viele 
Felsen. und Felseninseln etwas herausragen. („Schärenhof“ nach E. Richters 
Bezeichnung). ; 
Die Strandebene in ihrer vollendeten Ausbildung längs der norwegischen 
Küstengebiete fehlt den übrigen westeuropäischen Küsten oder 'sie. ist daselbst 
nur ganz schmal; ebenso fehlt sie größtenteils auf der amerikanischen. Seite des 
Nordatlantischen Ozeans, obschon sie bei Labrador und Neufundland angedeutet 
ist; sie fehlt auch bei den Farör und bei Island, findet sich jedoch gut aus- 
geprägt an der Westküste Grönlands. . . 
Die. sich‘ aufdrängende Frage nach der Bildungsweise oder Entstehung 
dieser eigentümlichen Bodenform beantwortet Nansen dahin, daß es sich um 
ein Werk der Meeresbrandung, d.h. der Wellen, handele, um marine denudation. 
Hierin ‚werden ihm wohl die meisten Geographen, zumal. diejenigen der Schule 
F. von Richthofens, zustimmen.. Das Profil offenbart eine typische „Abrasions- 
fläche“, einen‘ früheren Brandungsstrand, Der Grundgedanke dieser Erklärung 
ist nicht neu; denn der nordische Geologe Reusch!).hat die Strandebene 
schon 1894 als Werk des Meeres und nicht des Hises gedeutet. E. Richter‘) 
hat sich 1896 dieser Deutung in der Hauptsache angeschlossen; nur sind die von 
der See abradierten Platten der Strandebene seiner Meinung nach auch noch 
glacial bearbeitet. Nansen allerdings hält in seinem Falle einige besondere Ab- 
änderungen der üblichen Erklärungsweise?) für notwendig. Die Strandebene ist 
bis zu 40 km breit, so breit also, daß es unmöglich ist, anzunehmen, 'sie sei bei 
unverändertem Meeresniveau von der Brandung geschaffen; die Wellen müßten 
ja bei ihrem Vorschreiten bis zur Küste über dem flachen Wasser bald den 
größten Teil ihrer erodierenden Kraft verloren haben. Daher würde der nahe- 
liegendste Gedanke, welcher ja auch bei allen lehrmäßigen Darstellungen der 
Abrasion ausgeführt wird, der sein, daß die Abrasion unter allmählicher Senkung 
des Landes oder allmählichem Vorrücken des Meeres, jedenfalls bei positiver, 
wie wir mit Supan*) besser sagen wollen, bei mariner Strandverschiebung 
stattändet. Durch diesen säkularen Vorgang wird eine ebenmäßige, aber von 
der Meerestiefe zum Festland schwach ansteigende Fläche entstehen. ; 
Nach Nansen ist aber die norwegische Strandebene zu horizontal, zu wenig 
geneigt, um in der angedeuteten. Weise nur durch den Angriff der Brandung von 
der offenen See her entstanden sein zu können. Nansen macht daher zur Be- 
dingung für die marine Entstehung der Strandebene die: Voraussetzung, daß 
Küste und Meeresboden durch tiefe Fjorde und Kanäle bereits vollkommen zer- 
schnitten und zerteilt waren, ehe die Bildung der Strandebene mit Erfolg von der 
brandenden See begonnen werden konnte;°) von verschiedensten Richtungen her 
begann gleichzeitig das Werk der Abtragung und Abschleifung. Die Strand- 
ebene soll daher jünger als die Fjorde sein. Nansen nimmt ferner in 
der früher heiß umstrittenen Frage nach der Entstehung der Fjorde denjenigen 
gemäßigt glacialen Standpunkt ein,°) welcher heute wohl von fast allen Geo- 
graphen geteilt wird, der darin besteht, daß die Fjorde als alte, später. unter- 
getauchte Talbildungen in der Hauptsache vor der Eiszeit bestanden haben 
und nur Einzelheiten der Bodengestaltung in der Aufschüttung oder Ausräumung 
durch das fließende Eis der Gletscher ihre Erklärung finden, . Somit kommt 
Nansen zu dem Satze: Die Fjorde sind präglacial; die Strandebene ist 
postglacial, womit der Umstand übereinstimmt, daß die Strandebene meist. aus 
blankem Fels besteht, während der weiter seewärts gelegene, ältere, gleich den 
Fjorden präglaciale Schelf von glacialem Schutt verschiedenster. Korngröße 
übersät ist. Allerdings erscheint es auch möglich, anzunehmen, daß Seegaug 
) „Norges Geologiske Undersögelse“, XIV, 1. Christiania 1904. 
?) A. a. Ö., S. 188. | ; ; 
3) Vgl. hierzu F. von Richthofen „Führer für Forschungsreisende“, 1. Aufl;, S, 336, 
S. 353, auch Supan „Physische Erdkunde“, 2. Aufl., S. 418, . 
<) A.a.O,, S. 280. ne . 
5) Nansen a. a. O., S. 105, 109 u, s.f. 
3) A. a. O., S. 158.
	        
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