Schott, G.: F. Nansen über die Tiefenverhältnisse .der .nordpolaren‘ Gewässer. ‚461
der sibirischen Flüsse und des sibirischen Schelfes erhebliche Mengen terrigenen
Materiales; so haben Nansen und Johannsen auf ihrer Schlittenreise nach dem
äußersten Norden im Jahre 1895 mehrfach Eis gesehen, welches von eingebettetem
Schlamm ganz dunkel gefärbt.war und von weitem wie Fels aussah. Aber all
dies Eis kommt in der Hauptsache, d. h. auch an seiner Unterseite, wo es diese
Sinkstoffe fallen lassen könnte, zum Schmelzen erst dann, wenn es das eigent-
liche .arktische Becken verlassen hat, also im ostgrönländischen Küstenstrom
und südlicher noch.
MH. Die an das arktische Becken angrenzenden atlantischen Gewässer
behandelt Nansen sehr ausführlich, aber doch vorzugsweise mit Bezug auf ein
besonders interessantes Problem, nämlich das der Schelfbildung. Zunächst
werden die tatsächlichen Tiefenverhältnisse besprochen, so der Reihe nach die-
jenigen des sibirischen Schelfs, der Karischen See, der Barents- und Murmansee,
für welche eine etwas gar zu eigenartig kolorierte Spezialtiefenkarte im Maß-
stabe 1:4000 000 entworfen und beigegeben ist. Dann folgen in besonders
eingehender Darstellung die morphologischen Verhältnisse der norwegischen
Küste und des angrenzenden Meeres von den Lofoten herab bis zur norwegi-
schen Rinne und bis zum Nordseeschelf; hierzu gehören zwei große Karten,
eine bunte durch Isohypsen und Isobathen das Relief herausbringende, und eine
schwarze die geologische Zusammensetzung veranschaulichende Karte, beide in
Kegelprojektion bei einem Maßstabe von 1: 2400 000 entworfen. Außerordentlich
wirksam ist die erstgenannte, welche die nicht bloß morphologisch lehrreichen,
sondern auch für die norwegische Fischerei so eminent wichtigen Steilabfälle
bei Storeggen, Lofoten und Vesteraalen in krasser Farbendeutlichkeit erkennen
läßt, zugleich auch die großen Tiefen in den Fjorden u. a. m.; es ist nur schade,
daß der Geograph Nansen die Darstellung der angrenzenden Höhen der skandi-
navischen Halbinsel auf Norwegen als politisches Gebilde beschränkt hat. Hieran
reihen sich Erörterungen über die morphologische Ausgestaltung der Schelfe und
Fjorde von den Farör, von Island, von Grönland, ja sogar über die morpho-
logischen Eigenheiten der Kontinentalküsten Europas und Nordamerikas, soweit
sie am Nordatlantischen Ozean liegen. Es wird der Satz abgeleitet, daß inner-
halb der gesamten hier behandelten Gebiete im allgemeinen der Schelf um so
breiter ist und um so tiefer unter dem Meeresspiegel gelegen ist, je niedriger und
flacher die angrenzende Küste ist (z. B. Trondhjem-Distrikt), daß er aber um 80
schmäler ist und um so geringere Tiefen aufweist, je höher und steiler die
benachbarte Küste aufragt (z.B. Farör oder die Südküste Islands).
In Verbindung mit dem Schelf, dessen Definition gleich eingangs!) ge-
geben wurde, steht eine weitere Besonderheit des untermeerischen Reliefs dieser
nördlichen Gewässer, die Nansen ebenfalls sehr ausführlich behandelt, und auf
die auch hier etwas eingegangen werden muß, zumal sie in deutschen Fach-
zeitschriften bisher wenig geschildert ist.’) Es ist die einige wenige Meter,
meist nur 6 bis 10 m unter dem jetzigen. Meeresniveau, aber auch stellenweise
etwas über demselben liegende, an das Ufer unmittelbar angrenzende Küsten-
plattform oder Strandebene, norwegisch „Strandfladen“, englisch „shore plane“,
welche nicht mit den viel beschriebenen norwegischen Strandlinien oder Küsten-
terrassen über dem Meeresspiegel verwechselt werden darf. Von dieser Strand-
ebene entwirft Nansen*) folgende Schilderung, die besonders auf die norwegi-
schen Gewässer sich bezieht, jedoch auch für die entsprechenden Erscheinungen
der benachbarten Gewässer meist Giltigkeit hat. „Weit nach See hinaus; manch-
mal einige 20 bis 30 Sm oder 40 bis 50 km breit, erstreckt sich eine im ganzen
fast vollkommen wagerechte, ebene Fläche, die aber durch gerundete Felsen
and untermeerische Fjordtäler in einzelne, kleine, ebene. Flächen zerschnitten
ist; der Boden ist Fels oder. doch jedenfalls fast frei von Geröll und Schutt. Die
Niveauunterschiede auf dieser Plattform oder Strandebene sind äußerst gering,
viel geringer als auf dem im allgemeinen auch nur wenig bewegten Schelfboden.
Zu diesem letzteren, der zum Unterschied von der Strandebene meistens mit
1) Vgl. oben S, 458.
2) E. Richter spricht von ihr in seinen „Geomorphologischen Beobachtungen aus Norwegen“,
S. 188 (Sitzungsberichte der Wiener Akademie, CV, Band, 1. Abt., 1. Heft). Wien 1896.
3) Z.B. a. a. O., S. 39, '51, 71. 75, 90 und Taf, XIV bis XVI.