460 . Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1904.
anzunehmen, daß solchen Inseln, wenn sie überhaupt vorhanden sind, keine große
Ausdehnung zukommt.“
Eine anschauliche Tiefenkarte mit Isobathen für 200, 400, 600, 1000,
2000 und 3000 m (Tafel I) gibt eine gute Vorstellung von all’ diesen Verhält-
nissen. —
Was nun die Bodenbeschaffenheit des nordpolaren Beckens betrifft,
so ist in den Grundproben der ungewöhnlich geringe Betrag an Resten organi-
schen Ursprungs in erster Linie auffällig. In den meisten Fällen war es schwierig,
überhaupt Reste von Foraminiferenschalen oder von anderen Organismen zu finden.
Der größte Prozentsatz an kohlensaurem Kalk wurde mit 5% in einer Boden-
probe von 83° 24’ N-Br. und 102° 14’ O-Lg. festgestellt; im übrigen schwankte
der Gehalt an CaCOs zwischen 1 und 3 °% 0. Zum Vergleiche diene die Angabe,
daß nach den mehrere hundert Proben umfassenden Analysen seitens der
„Challenger“- Expedition der Durchschnittsgehalt der Tiefseeerden an Kalk-
carbonat, welcher mit zunehmender Tiefe abzunehmen pflegt, für die offenen
Ozeane sich stellt
bei 3000 m auf etwa 70%,
„ 3500 „ »„ »n 62)
„ 4000 „» „»„ » 51.
Globigerinenschlamm besteht im allgemeinen zu 64% aus Kalkcarbonat,
Diatomeenschlamm enthält davon, trotz seines Charakters als Kieselerde, immer
noch etwa 23 %, Die Armut des nordpolaren Meeresbodens an Resten kalk-
schaliger Organismen ist also außerordentlich groß; sie steht aber nach Nansen
im Einklang mit der Armut der Meeresoberfläche an organischem Leben, welche
Armut ihrerseits dadurch erklärlich wird, daß die Meeresoberfläche jabraus jahr-
ein ganz von Eis bedeckt ist. Wenigstens hat Nansen in den im Polarbecken
gewonnenen Planktonproben kaum einige Foraminiferen gefunden.
Ganz ähnlich scheinen nun in dieser Beziehung die Verhältnisse im Süd-
polarmeer, wenigstens dort, wo die „Valdivia“- und die „Gauß“-Expedition ge-
arbeitet haben, zu liegen. Die deutsche Tiefsee-Expedition hat in dem von ihr
entdeckten indisch-antarktischen Becken 1898 ganz kalkfreien Diatomeenschlamm
erlotet, welcher in dieser Form für die antarktischen Gewässer bis dahin un-
bekannt war; er bedeckt dortselbst in großer Ausdehnung die Tiefen von etwa
5000 m.!) Dieser höchst interessante Befund der Tiefsee-Expedition ist dann
später von der Südpolar-Expedition bestätigt worden; in dem Bericht des Geo-
logen Philippi”) heißt es darüber: „Mit einer Ausnahme waren sämtliche
Grundproben, die innerhalb des Treibeisgebietes erlotet wurden, kalkfrei und
sehr arm an Diatomeen. Es ist dies um so auffälliger, als an der Oberfläche
des Meeres zahlreiche Globigerinen und ganz ungeheure Mengen von Diatomeen
leben, welch letztere die Unterseite der Eisschollen überall braun färben. Die
Abwesenheit des kohlensauren Kalkes in den Ablagerungen aller, auch der ge-
vingeren Tiefen, wird dadurch noch besonders bemerkenswert, daß durch die
Arbeiten des Zoologen erwiesen ist, daß der Meeresboden an vielen Stellen
reichlich mit kalkausscheidenden Organismen bedeckt ist. Man kann daher an-
nehmen, daß die Kalkauflösung in diesen Teilen des antarktischen Meeres eine
äußerst intensive ist und bereits in geringer Tiefe vor sich geht. Freilich ist
damit die fast völlige Abwesenheit von Diatomeenresten in den Grundproben
noch nicht erklärt.“
An den Bodenproben aus den Tiefen des nordpolaren Beckens ist in
zweiter Linie ihre Feinheit beachtenswert; gröberes Material oder gar Steine
wurden nicht beobachtet, obwohl man sonst diese letztere Art der Boden-
beschaffenheit für polare Gewässer als charakteristisch ansieht, zumal da, wo das
Meer vom Eis bedeckt ist. Für das nordpolare Becken ergibt sich daher aus
der durchgängigen Feinheit der Bodensedimente die Schlußfolgerung, daß seit
langen geologischen Epochen keine Trift von Gletschereis, d. h. Eisbergen, über
dies Becken hinweggezogen ist, selbst wenn — was wahrscheinlich ist — eine
sibirische Eiszeit bestanden hat. Wohl transportiert auch noch heute das Eis
1) Vgl. Sir J. Murray und E. Philippi, die Grundproben der „Valdivia“ -Expedition
in „Centralblatt f. Mineralogie usw.“, 1901, S. 526.
2) „Veröffentlichungen des Instituts für Meereskunde“, Heft 5. S. 138. Berlin 1903.