Schött, G.1 F. Nansen über die Tiefenverhältnisse der nordpolaren Gewässer, 459
I. Das nordpolare Becken, De
der eigentliche Schauplatz von Nansens Expedition, wird vergleichweise kurz
am Anfang und dann wieder am Schluß bei der Besprechung der gewonnenen
Bodenproben behandelt. Bei Abgang der Expedition war man, da man allgemein
auf ziemlich faches Wasser rechnete, nicht mit vollkommenen Lotmaschinen und
Vorräten an Lotdraht ausgerüstet, so daß es nur unter ganz besonderen Mühen
gelang, dem’ schlimmsten Mangel durch Herstellung von Lotleinen. abzuhelfen
und die großen Tiefen von 3000 bis 4000. m einigermaßen zuverlässig zu messen.
Wenn man die von den Nordküsten Nordamerikas über‘ den Pol hinweg bis -zu
dem sibirischen Schelf einerseits und von Spitzbergen bis zur-Beringstraße ander-
seits sich ausdehnenden Gewässer als nordpolares Becken bezeichnet, so gelten
von ihm nach Nansen folgende Sätze: ;
1. Es ist ein tiefes Becken, das Tiefen bis zu 4000 m aufweist; von
dem Barentsmeer ist es durch einen fortlaufenden unterseeischen Rücken ge-
trennt, welcher geringere Tiefen als 220 m besitzt und von Nowaja Zemlya
nach Kaiser Franz Joseph-Land und nach Spitzbergen sich erstreckt. Erheblich
tiefer ist das Meer zwischen Spitzbergen und Nordostgrönland, doch scheint auch
hier eine relativ seichte Schwelle unter rund 81° N-Br. westöstlich zu ziehen,
von welcher als bisher geringste Tiefen 475 und 786 m gemeldet sind. Jeden-
falls setzen sich die großen Tiefen des nordpolaren Beckens nicht ununterbrochen
in diejenigen des norwegischen Nordmeeres*) fort, was von wesentlicher ozeano-
graphischer Bedeutung ist. Denn ein ungehinderter Wasseraustausch zwischen
den beiden Tiefbecken ist dann unmöglich, und in der Tat läßt das Bodenwasser
beider Becken erhebliche Unterschiede erkennen. Im norwegischen Nordmeer ist
die Bodentemperatur — 1° bis — 1,2°, zwischen Spitzbergen und Grönland sogar
—1,3° und — 1,4°, der Salzgehalt beträgt 35,06 bis 35,29% o. Im nordpolaren
Becken aber, wo man noch niedrigere Bodentemperaturen erwarten sollte, liegt
die Temperatur des Bodenwassers durchweg schon bei 0 bis — 0,8° und der Salz-
gehalt. beträgt etwa 35,3 °/oo; dies Bodenwasser kann also nicht, oder zum min-
desten nicht unmittelbar, aus dem norwegischen Nordmeer stammen. Nun erhebt
sich gegenüber dem ferneren Umstand, daß die das Bodenwasser des nordpolaren
Beckens überlagernden Wasserschichten wärmer sind als das Bodenwasser selbst,
die weitere Frage: Woher stammt dann die niedrige Temperatur des nordpolaren
Bodenwassers? Der einzige Ausweg, den. auch Nansen annimmt, ist der, daß
das Bodenwasser irgendwo in den noch unbekannten Teilen des nordpolaren
Beckens an der Oberfläche gewesen und dort bis auf — 0,8° abgekühlt worden
sein muß, daß also große, tiefe Meeresgebiete nahe am Pol vorhanden sein müssen,
in denen die wärmeren Zwischenschichten fehlen. Entlang dem Weg des „Fram“
hat man Andeutungen von solchem ozeanographischen Wärmeprofil nicht gefunden;
folglich muß eine solche Wärmeanordnung auf der amerikanischen Seite des Beckens
vermutet werden, und daraus folgt endlich die Forderung, daß das nordpolare tiefe
Becken viel größere Flächen einbegreift, als wir bisher durch die „Fram“-Messungen
kennen, daß also auch die Gebiete im Norden von Alaska und im Norden
von der arktisch-nordamerikanischen Inselwelt wirkliche Tiefsee-
gebiete sind. Diese Schlußfolgerungen Nansens, welche allerdings alle :die
Richtigkeit der beobachteten Verschiedenheit zwischen dem Bodenwasser des Nord-
meeres und dem des nordpolaren Beckens zur Voraussetzung haben, sind ein-
leuchtend. „Wie weit der Kontinentalrand nördlich vom amerikanischen Archipel
und nördlich von Grönland reicht, ist unbekannt; da aber Nordgrönland, Grinell-
land und das von Sverdrup entdeckte Axel Heiberg-Land vergleichweise hoch
sind, so ist nach den sonstigen morphologischen Analogien wahrscheinlich, daß
hier die Tiefsee ziemlich nahe liegt; Amund Ringnes- und Ellef Ringnes-Land,
ferner Prinz Patrick- und Melville-Inseln sind niedrig, daher mögen dort, aus-
gedehntere, Flachseegebiete nach Norden hin vorhanden sein. Ob wir die. nörd-
lichsten Teile des festen Landes überhaupt schon kennen, kann man unmöglich
heutzutage sagen; die Möglichkeit von noch unbekannten Inseln im äußersten
Norden ist nicht zu leugnen, aber nach den ozeanographischen Verhältnissen ist
5 Ir
1) Hierunter sind die Gewässer zu verstehen, welche von Ostgrönland, Island und Norwegen
eingeschlossen werden.