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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1904.
naturgemäß Südpolarität, so daß bei frei aufgestelltem Kompaß durchweg eine
den Nordpol der Nadel nach abwärts ziehende Kraft vorhanden ist. Durch die
eisernen Seitenwände des Ruderhauses aber werden kräftige Südpole in unmittel-
barer Nähe oberhalb des Kompasses festgelegt, so daß eine nach oben gerichtete
Vertikalkraft die Folge ist.
Ich hatte Gelegenheit, die auf diese Weise geschaffenen magnetischen
Verhältnisse auf einer Reihe von neueren Dampfern des Norddeutschen Lloyd
zu untersuchen. Die Resultate der Vertikalkraftmessungen sind in den sechs
graphischen Darstellungen der Tafel 2 niedergelegt. Die Kräfte sind in
der Mittelebene des Ruderhauses in ungefährer Kompaßhöhe (1,1 m über dem
Fußboden) gemessen. Als Maßstab für die Kräfte ist am linken Rande jeder
Figur der für die deutschen Küsten geltende Wert der Horizontalkomponente
({H == 1,8 G. E.) des Erdmagnetismus angegeben. Die Kompaßorte sind in den
Figuren unter der Bezeichnung „vorderer Kompaß“ (v. K.) und „hinterer Kompaß“
(h. K.) kenntlich gemacht.
Von den in Frage stehenden Schiffen sind „Kronprinz Wilhelm“,
„Kaiser Wilhelm II.“ und „Gneisenau“ beim Settiner Vulkan, „Seydlitz“
und „Zieten“ bei F. Schichau in Danzig und „Roon“ bei Joh. C. Tecklen-
borg in Geestemünde erbaut.
Zur Erläuterung der Figuren sei folgendes hinzugefügt:
Fig. 1. Der Schnelldampfer „Kronprinz Wilhelm“ hat ein Ruderhaus,
dessen Vorder- und Seitenwände aus Stahl hergestellt sind. In der Decke
befinden sich eiserne Quer- und Diagonalverbände. Im ganzen Ruderhause
herrscht eine nahezu konstante, nach oben gerichtete Vertikalkraft von außer-
ordentlich hohem Betrag. Sie ist fast gleich dem zweieinhalbfachen der
Horizontalkraft oder ungefähr gleich dem für unsere Breite gültigen Werte der
Vertikalkraft des Erdmagnetismus, woraus — nebenbei bemerkt — das Kuriosum
folgt, daß eine Flinderstange in diesem Raume in unseren Breiten überhaupt
anwirksam ist.
Fig. 2. In bemerkenswertem Gegensatze dazu steht das Ruderhaus des
Schnelldampfers „Kaiser Wilhelm 11.“. Die Seitenwände sind hier von Holz,
die hinter dem Ruderhause stehenden Wände des Navigationszimmers etc. sind
ebenfalls aus Holz hergestellt. Die an der Vorderwand erhebliche Vertikalkraft
fällt rasch ab, geht durch Null und ist für den hinteren Kompaß nach abwärts
gerichtet. .
Fig. 3. Ahnlich, wenn auch weniger günstig, liegen die Verhältnisse auf
dem Dampfer „Seydlitz“. Die Seitenwände sind auch hier, ebenso wie bei
den folgenden Schiffen, aus Holz. Die Kräfte sind in der Nähe der Vorder-
wand nicht unerheblich größer als auf „Kaiser Wilhelm II.“. Außerdem be-
wirken die hinter dem Ruderhause vertikal stehenden Eisenmassen, daß die
Kräfte langsamer abfallen und im hinteren Teile des Hauses wieder ansteigen.
Fig. 4. Recht ungünstig liegen die Verhältnisse auf dem Dampfer
„Roon“. Die Vertikalkräfte sind in der Nähe der Vorderwand sehr groß, und
sie fallen nur überraschend wenig ab, trotzdem das Haus hölzerne Seitenwände
besitzt. Der Grund muß in den hinter dem Ruderhause stehenden vertikalen
Eisenmassen in Verbindung mit einer hohen Magnetisierbarkeit des Materials
gesucht werden.
Fig. 5. HEinwandfrei sind die magnetischen Verhältnisse im Ruderhause
des Dampfers „Gneisenau“. Es ist verständigerweise nur ein Kompaß im
Hause aufgestellt und dieser dafür an einer magnetisch günstigen Stelle.
Fig. 6. Das beste Verhalten bezüglich der Vertikalkräfte weist der
Dampfer „Zieten“ auf, Auf diesem Schiffe ist auf Veranlassung von Professor
C. Schilling ein Versuch mit einer Vorderwand aus unmagnetischem Nickel-
stahl gemacht. Die Seitenwände sind aus Holz. Die Vertikalkraft ist fast im
ganzen Ruderhause gleich Null, nur im hintern Teile findet ein Ansteigen statt,
veranlaßt durch die dahinter stehenden eisernen Wände, Das überraschend
günstige Resultat, das bei diesem Schiffe erreicht ist, darf nicht lediglich der
Nickelstahl-Vorderwand beigemessen werden; vielmehr trägt die ganze Bauart
des Ruderhauses und vor allem der darunter befindlichen Aufbauten zu ihm bei.
Das Ruderhaus springt weit über die darunterliegenden Gesellschaftsräume vor;
die Vorderwand der letzteren steht ihrerseits wieder frei (d. h. ohne Fortsetzung