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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1904
der „Meeresbeobachtung“ z, B. für 35° und die entsprechende Kurve der Flach-
landbeobachtungen auf ein Blatt, so ergibt sich nebenbei eine interessante
Beziehung. Zwischen Beaufort IV bis VIII laufen die Kurven ziemlich parallel,
von IV abwärts und VIII aufwärts laufen sie auseinander, Die Erklärung dieser
Erscheinung ist wohl darin zu suchen, daß der Reibungskoeffizient des Windes
über dem Wasser keineswegs stets derselbe ist, etwa 0,000035. Nur für die
Windstärken IV bis VIII wird er vielleicht diese Höhe haben; für die niedrigeren
ist er zweifellos kleiner, da das Wasser bei den Stärkegraden I bis III noch
keine erheblichen Wellen bildet. Dadurch wird aber der zugehörige Isobaren-
abstand vergrößert, so daß das Produkt zwischen Windstärke und Isobarenabstand
denselben Wert erreicht wie für die übrigen Stärkegrade. Die Konstanz dieses
Produktes für die „Meeresbeobachtungen“ ist also eigentlich Ausnahmefall,
während die Verhältnisse bei den Flachlandbeobachtungen die Regel zum Aus-
druck bringen. In den höheren Stärkegraden ist nur eine geringe Divergenz
der Kurven zu bemerken, und zwar in dem Sinne, daß der Reibungskoeffizient
sich verkleinert. Dies wird wohl dadurch ermöglicht, daß bei den höchsten
Windstärken über dem Meere sich die Meeresoberfläche bereits in so starker
gleichgerichteter Bewegung befindet, daß trotz der hohen Wellenberge die
Reibung geringer wird als bei Stärke VIII.
Für Ableitung der Beziehung zwischen Windgeschwindigkeit und Isobaren-
abstand über gebirgigem Gelände hat es an Beobachtungen gefehlt. Doch geht
aus dem Wenigen in Tabelle III deutlich hervor, daß der Isobarenabstand
geringer ist als für die entsprechenden Windstärken über dem Meere oder
Flachlande. Wegen der mehr oder weniger starken, aufwärts gerichteten
Komponente des Windes in solchen Gebieten wird die Aufstellung annähernd
gesetzmäßiger Wertereihen große Schwierigkeiten besitzen, vielleicht überhaupt
nicht gelingen. Für alle Landbeobachtungen kommt endlich noch der Umstand
für die vorliegenden Bestrebungen störend hinzu, daß die Beobachter, welche
Jie Windstärke nur schätzen, dieselbe in der Regel zu gering angeben, wie
überhaupt eine Schätzung auf dem Lande viel schwieriger ist als auf dem
Meere. Diesen Umstand muß man sich bei den vorstehenden Beobachtungs-
veihen stets in Erinnerung rufen. Die vorliegenden Untersuchungen dürfen
deshalb auch nur als erster schwacher Versuch betrachtet werden, empirische
Beziehungen zwischen Isobarenabstand und Windstärke abzuleiten. In welcher
Weise die Resultate praktische Verwendung finden können, soll im folgenden
nur kurz angedeutet werden.
IN. Anwendungen.
Die nächstliegende Anwendung, an der Hand einer Isobarenkarte eine
Windkarte zu zeichnen, wird in vielen Fällen eine Prüfung der obigen Resultate
sein. Denn für einen Teil der Erdoberfläche sind wir im Augenblick imstande,
ziemlich genaue Isobarenkarten zu entwerfen, und gleichzeitig besitzen wir für
zahlreiche Orte auf diesem Gebiete zuverlässige Beobachtungsreihen von Wind-
stärke und «richtung. Dem Mittelwert des Gradienten für eine bestimmte Beob-
achtungszeit wird in der Regel ein bestimmter Mittelwert der Windrichtung
und Geschwindigkeit entsprechen. Trifft dies zu, So wird man auch für jeden
beliebigen andern Ort der betreffenden Isobarenkarte, an welchem keine Beob-
achtungen über diese meteorologischen Elemente angestellt sind, aus der Karte
gofort dieselben angenähert angeben können. Man wird sich zu diesem Zweck
eine Tabelle berechnen, aus der man die Windstärke in Metern pro Sekunde
entnehmen kann auf Grund gemessener Isobarenabstände. Man wird dann nicht
nur die Windstärken 3,1 m pro Sekunde Beaufort II bezeichnen, sondern alle in
das Intervall von etwa 2,3 bis 4 m pro Sekunde fallenden Geschwindigkeiten usw.
Es wird ferner möglich sein, auf Grund einer Isobarenkarte eine vollständige
Windkarte herzustellen nach der Art der die Meeresströmungen zum Ausdruck
bringenden Karte, indem das ganze Gebiet mit Windbahnen bedeckt wird, deren
Abstand einen Schluß auf die Windstärke gestattet, deren ununterbrochene
Fortführung die Beständigkeit des Windes zum Ausdruck bringt, eine Eigenschaft,
welche zu kennen in vieler Hinsicht wichtig ist.