3710
Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1904.
Liegt indessen zwischen beiden Hochwassern der einzelnen Tiden ein
Zeitraum von sechs Stunden, so findet der Reihe nach statt wie die punktierte
Linie zeigt: niedriges Hochwasser mit dem Betrage von W-+a?* bis W+(al— a?),
niedriges Niedrigwasser mit dem Betrage von W — (a!-+-2a?%), und wiederum
niedriges Hochwasser wie anfangs. Es zeigt sich, daß bei der eintägigen Tide
so ein vollkommen umgekehrtes Verhältnis innerhalb zweier Tage sich ein-
stellen kann, mit annähernd gleichen Amplituden, wie es nach einer Woche mit
sehr veränderten Amplituden eintritt, und daß die daraus resultierende Gezeiten-
kurve sehr verschiedene Formen annehmen kann, infolge der zufällig bedingten
Wasserstände von Hoch- und Niedrigwasser.
Bedenkt man nun, daß die Amplitude, jeder der Gruppen, außer den oben
dargestellten Veränderungen, noch anderen Änderungen unterworfen ist infolge
ihrer Zusammensetzung aus einzelnen Tiden, so daß a* schwanken kann zwischen
1:4 K, bis !/4 K, und a? von 1’% M, bis !/s M,, wodurch das Verhältnis von
a! zu a? sich stetig ändert, so wird es klar, daß die Gezeitenkurren an ein und
demselben Orte nicht nur veränderlich sind, sondern auch einen ganz anderen
Charakter annehmen können.
Unter allen Umständen findet man aber die bemerkenswerte Eigenschaft
der zusammengesetzten Tiden, ungleichartiges Steigen über und Fallen unter
den mittleren Wasserstand. Dieses zeigt sich in der täglichen Ungleichheit in
der Höhe, die nicht mit der Ungleichheit in Zeit verbunden ist, sofern der
Charakter der Gezeitenkurve halbtägig ist, und in großer Ungleichheit in Zeit
beim Steigen und Fallen, sofern er eintägig ist.
Die Ungleichheit in Höhe verursacht, daß die Flutgröße — der Unterschied
zwischen einem Hoch- und dem darauf folgenden Niedrigwasser oder zwischen
einem Niedrig- und dem unmittelbar darauf folgenden Hochwasser, der sich bei
eipfachen Tiden stets nur langsam ändert und Anhalt bietet für die Größe der
Tide und den zu erreichenden Wasserstand — bei zusammengesetzten Tiden
fortwährend großen Schwankungen unterliegt und daher kein Maßstab vor-
handen ist, weder für den Umfang der Tide noch den zu erreichenden Wasser-
stand. Beim Zusammenfallen der Houch- oder Niedrigwasser beider Gruppen
beträgt, sofern a*—>2a*, der Unterschied zwischen dem normalen Niedrig- oder
Hochwasser der halbtägigen Gruppe und dem vorhergehenden hohen Hoch-
oder niedrigen Niedrigwasser 2 a? al, dagegen zwischen demselben Niedrig-
oder Hochwasser und dem folgenden hohen Hoch- oder niedrigem Niedrigwasser
2a°— al, Für denselben Tag ergibt sich mithin ein Unterschied von al.
Falls al—> a? ist, war der Unterschied 2 a®*. Man sollte daher nur von
Steigen oder Fallen über oder unter Mittelwasserstand sprechen und nicht von
Flutgröße. *
Nachdem darauf noch in eingehendster Weise erklärt wird, wie infolge
der zusammengesetzten Tiden periodische Schwankungen aller Wasserstände
entstehen und unter welchen Verhältnissen die Spring- und Niptiden wie auch
die Hoch- und Niedrigwasser beider Gruppen von Tiden zusammenfallen und
sich reiben, wird zum Schluß die Frage gestellt: Wie ist die vertikale Wasser-
bewegung in den Segelhandbüchern zu beschreiben?
Diese Frage wird zunächst dahin beantwortet, daß eine verständliche
Beschreibung der senkrechten Wasserbewegung nur möglich ist für Gegenden,
für die man auf Grund langjähriger Beobachtungen mit Hilfe der analytischen
Methode die Konstanten (Amplitude und Kappa) der Haupt- und Nebentiden
kennen gelernt hat. Da Beispiele in der Regel besonders geeignet sind, das
Verständnis zu fördern, so wird an zahlreichen Beispielen für verschiedene Orte
und Zeiten die Rechnung mit Hilfe von Tabellen, die die Konstanten (Am-
plituden in cm, Kappa in Graden) dieser Orte für alle in Betracht zu ziehenden
besonderen Tiden enthalten, ausgeführt. Das Auffinden des mittleren Wasser-
standes, der Spring- und Niptiden, der Hochwasser und Hochwasserzeiten wie
auch ganzer Gezeitenkurven wird dabei vorgeführt in einfacher, leicht begreif-
licher Weise. Wir können den Ausführungen des Herrn Verfassers darin bei-
pflichten, wenn er bei dieser Vorführung sagt: Diese Kenntnis konnte nicht
aus einer geringen Anzahl von Beobachtungen gewonnen werden, sondern nur
aus einer fortlaufenden Reihe von Beobachtungen, die eine völlige Serie aller
Gezeitenkurven umfaßt, und ebenfalls, wenn er sagt: die Beobachtungen an