362 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1904.
weichungen in dem einen oder anderen Sinne vor. Nicht immer fällt der Eis-
reichtum bei Island mit Eisarmut bei Neufundland zusammen und umgekehrt.
So war das Jahr 1882 gleichzeitig eisreich bei Island und bei Neufundland
(vielleicht auch die Jahre 1866 und 1869),!) Eisarmut in beiden Gebieten er-
eignete sich z. B. 1900 (vielleicht auch 1861), Aber meistens trifft die oben
angegebene Regel zu. Die Jahre 1864, 1875, 1880, 1884, 1890, 1894 und 1903,
die bei Island eisarm waren, rechnen zu den schwersten Eisjahren bei Neufund-
land, während die für Island eisreichen Jahre 1881, 1888, 1592, 1902 als unge-
wöhnlich eisarm bei Neufundland geschildert werden.
Wenn Ausnahmen von dieser gegensätzlichen Entwicklung der Eissaison
an den beiden Seiten des Ozeans vorkommen, so scheinen sie meist durch ein ab-
normes Verhalten in den isländischen, nicht in den neufundländischen Gewässern
bedingt zu sein. Die Eisverhältnisse bei Neufundland entsprechen mit anderen Worten
fast stets der oben abgeleiteten gesetzmäßigen Beziehung ‘zur atlantischen
Zirkulation, während das bei Island nicht so oft der Fall ist. Dies kann nicht
überraschen, wenn man sich vergegenwärtigt, daß nach Brennecke die Aus-
bildung des Luftdruckminimums im nördlichen Eismeer für den Eisreichtum im
Ostgrönlandstrom von wesentlicher Bedeutung ist. Es wird also auch die Aus-
bildung der Luftzirkulation .im äußersten Nordosten des Nordatlantik mit ent-
scheidend, und es wird sich im Einzelfall darum handeln, nachzuweisen, wie
stark dieser Faktor mit der oben angegebenen Beziehung in Konkurrenz tritt,
wann er eine Ausnahme von der vorher formulierten Regel bewirkt. Im
Jahre 1882 war, wie bemerkt, ein solcher Ausnahmefall eingetreten. Der HEis-
reichtum bei Neufundland entsprach der großen Verstärkung der nordatlantischen
Zirkulation, aber auch bei Island erfolgte eine starke Eisblockade, entgegen
obiger Regel. Es war die Folge einer ungewöhnlichen Vertiefung des Luft-
druckminimums am Nordkap. Andere, scheinbare Ausnahmen von der Regel
können dadurch hervorgerufen werden, daß sich der durch die Dänemarkstraße
gehende Zweig des Ostgrönlandstroms auf Kosten des ostisländischen mit Eis
belädt, so daß die polaren Küsten Islands relativ eisarm sind und die dortigen
Beobachtungen keinen Aufschluß über den wahren Eischarakter eines solchen
Jahres geben.
Außer diesen Faktoren kommen noch andere in Betracht, über welche
wir erst in letzter Zeit durch die Bemühungen des in Kopenhagen unter Gardes
Leitung zentralisierten Nachrichtendienstes der arktischen Eisverhältnisse fort-
laufend orientiert werden. Insbesondere spielt die Frage eine Rolle, ob im
Quellgebiet der Polarströme ein großer Eisvorrat sich angesammelt hat und der
Verfrachtung in niedere Breiten harrt, oder ob trotz einer kräftigen Entwicklung
der Polarströmung die Eisführung eine beschränkte bleiben muß, weil die Eis-
zufuhr in ihrem Quellgebiet eine geringe oder behinderte ist. ;
Schon diese Überlegung zwingt üns, zur Erklärung der Erscheinungen
im Einzelfall über die engeren Grenzen des Untersuchungsgebietes hinauszugehen,
aber dasselbe gilt noch in viel höherem Grade, wenn wir versuchen wollen, den
Ablauf der Erscheinungen im großen von Jahr zu Jahr zu verfolgen, die Ursachen
zu ergründen, die bald eine Verstärkung, bald eine Abschwächung der nord-
atlantischen Zirkulation hervorrufen. Dazu bedürfte es vor allem auch eines
tieferen Einblicks in die ozeanischen und meteorologischen Verhältnisse der
Tropen, und davon sind wir leider heutzutage noch sehr weit entfernt.
1) Für die älteren Jahrgänge hat die Bestimmung des Eischarakters einige Schwierigkeiten.
Die beste Zusammenstellung, eine Art Eischronik von Island, hat der berühmte Islandforscher
Thoroddsen 1884 in der schwedischen Zeitschrift „Ymer“. S. 145—160, veröffentlicht.