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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 32 (1904)

360 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1904. 
Wärme auf der einen Seite wird durch die größere Kälte auf der anderen mehr 
oder minder aufgewogen. Die atlantische Zirkulation mit ihren unperiodischen 
Schwankungen versieht die Funktion eines selbsttätigen Wärmeregulators, der 
Wärme-Zu- und Abgang innerhalb gewisser Grenzen hält. Es ließe sich auch 
der entgegengesetzte Fall denken, daß nämlich eine beschleunigte Zirkulation 
außer einer Vermehrung der Eisführung des Labradorstroms gleichzeitig eine 
Verminderung der Temperatur des Golfstroms herbeiführte. In diesem Falle 
würden die Schwankungen der Zirkulation in sehr empfindlichen Veränderungen 
des Wärmezustandes des Nordatlantischen Ozeans zum Ausdruck kommen, 
Wie wir sahen, folgt großen (kleinen) Luftdruckdifferenzen zwischen Kopen- 
hagen und Stykkisholm von September bis Januar Eisreichtum (Eisarmut) bei Neu- 
fundland im Frühjahr. Nun habe ich früher nachgewiesen, daß dieselben Luftdruck- 
differenzen maßgebend sind für die Frühjahrstemperatur in Mitteleuropa.') Es 
fallen demnach in den meisten Fällen eisreiche Jahre bei Neu- 
fundland mit warmen Frühjahren (Februar bis April) in Mitteleuropa 
zusammen, eisarme Jahre mit kalten, Diese Tatsache widerspricht den 
oft von Laien geäußerten, in den Tagesblättern auftauchenden Vorstellungen 
von einer unmittelbaren Einwirkung der Eisverhältnisse von Neufundland auf 
die europäische Witterung. Da diese Vorstellungen mehr auf einem unbestimmten 
Gefühl oder auf einer falschen Verallgemeinerung vorübergehender Witterungs- 
zustände beruhen, bedürfen sie keiner weiteren Widerlegung.®) 
Indessen muß mit ein paar Worten die näherliegende Möglichkeit er- 
wogen werden, daß die Temperatur des Golfstroms durch den Schmelzprozeß 
bei Neufundland nachhaltig beeinflußt wird und daß ihm daher in eisreichen 
Jahren, die zugleich eine Verstärkung des kalten Labradorstroms anzeigen, eine 
negative, in eisarmen Jahren eine positive Temperaturabweichung an dieser 
Stelle zugeteilt und mit auf den Weg gegeben wird. Da das Wasser des Golf- 
atroms unter normalen Verhältnissen !/z bis 3/4 Jahre gebraucht, um von Neu- 
fundland aus die Küsten Großbritanniens und Norwegens zu erreichen, so dürfte 
man a priori erwarten, nach einer großen Eissaison, deren Höhepunkt in den 
April oder Mai fiele, die ersten Anzeichen einer negativen Temperaturabweichung 
an den Küsten Europas gegen Ende des Jahres anzutreffen. Diese Schluß- 
folgerung bestätigt sich in der Tat in manchen Fällen, in einigen entscheidenden 
dagegen nicht, so nach den Eisjahren 1882 und 1884. Es folgten andrerseits 
auf sehr eisarme Jahre bei Neufundland, wie 1892, auch sehr niedrige Winter- 
temperaturen in den europäischen Meeren (1893). Es scheint demnach der 
vermutete Zusammenhang nicht den Charakter einer Gesetzmäßigkeit an sich 
zu tragen, die erlauben würde, eine einigermaßen sichere Temperaturprognose 
für Westeuropa darauf zu gründen. 
Diese Tatsache mag auf den ersten Blick verwunderlich erscheinen, 
indessen gibt folgende Überlegung vielleicht eine Erklärung dafür an die Hand. 
Die kalten, wenn auch salzärmeren Wasser des Labradorstroms tauchen östlich 
und südlich von Neufundland als die schwereren unter die hochtemperierten, 
obgleich salzreicheren des Golfstroms unter und setzen in der Tiefe vermutlich 
ihren Weg nach Süden hin fort. Eine belangreiche Vermischung der heterogenen 
Wasser wird vielleicht in der unteren Grenzschicht des Golfstroms stattfinden, 
aber kaum in seinen oberen Schichten, Wassertemperaturschwankungen des 
Labradorstroms dürften sich also mehr auf die tieferen als auf die oberen 
Schichten des Nordatlantik übertragen. Anders verhält es sich mit der wech- 
selnden Eisführung. Die Eisberge tauchen nicht mit den Wassern, die sie aus 
Norden herbeiführten, unter, sondern verlieren beim Zusammentreffen mit dem 
Golfstrom allmählich ihren ursprünglichen Boden unter den Füßen, sie werden 
direkt in die wärmere Strömung hineingetragen, sie schmelzen im Golfstrom- 
wasser, und dieser Prozeß muß allerdings dazu beitragen, ein mit der Kismenge 
wechselndes Maß von Wärme dem Golfstromwasser zu entziehen. In eisarmen 
Jahren wird die Abkühlung gering sein, und daraus wohl eine positive Temperatur- 
abweichung im Golfstrom resultieren, das Entgegengesetzte sollte in eisreichen 
Jahren stattfinden. 
)) Zeitschr. d. Gesellsch. f. Erdk. 1898, S. 198; Met. Zeitschr. 1898, S. 94 
?) Vel. die Bemerkung Schotts in dieser Zeitschr., 1903, S. 206.
	        
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