Meyer, H.: Totwasser.
mutmaßlich auch bei der „Fram“ der Fall wär, Auch in diesem Falle muß ein
mehr oder weniger breites Kielwasser, je nach‘ dem Grade der Abweichung von
der Stromrichtung, dem Schiffe folgen. Es mag. daher auch der Eindruck er-
weckt werden können, daß die obere Schicht vom Schiffe mitgeschleppt ‘wird,
was in. Wirklichkeit nicht der Fall ist.‘ Es fließt vielmehr die obere Wasser-
schicht unter solchen Umständen genau so am Schiffe entlang, wie das Wasser,
wenn das Schiff nur in eine Schicht. taucht.
Nun denke man sich aber den Fall, daß beide. wagerecht gefrennten
Schichten in eigene Bewegungen sind, die voneinander abweichen. In solchem
Falle kann das Schiff, wenn es in beide Schichten taucht, niemals beide
Schichten gleichzeitig in seiner Kielrichtung durchschneiden. Wenn es zu der
einen Schicht in Kielrichtung liegt, so muß es von der Richtung der anderen
stets um einen mehr oder weniger großen Winkel abweichen, der dem Richtungs-
unterschied beider Strömungsbewegungen entspricht. Wenn in solchem Falle die
obere Schicht dick genug ist und das Schiff gleichzeitig tief genug in die untere
Schicht taucht, so kann das Schiff weder Steuerfähigkeit noch Fortbewegung
erlangen, falls die Stromgeschwindigkeit beider Schichten nur von einiger. Be-
deutung ist. Quer durch das Wasser geht ein Schiff eben nicht. Durch .den
aus verschiedenen Richtungen kommenden Druck muß es in eine Lage kommen,
die der diagonalen Wirkung beider Kräfte entspricht, und die man wohl mit
dem Ausdruck toter Punkt bezeichnen kann. Ähnliche Verhältnisse traf das
Schiff „Wilhelm“ vor der Mündung des Frazer-Flusses.
Wenn jedoch die obere Schicht verhältnismäßig dünn ist, was wohl
meistens der Fall zu sein pflegt, oder wenn es andernfalls nur eben in die untere
Schicht taucht, was wohl seltener vorkommen dürfte, so kann bei großer
eigener Triebkraft des Schiffes sowohl Steuerfähigkeit wie auch Vorwärtsgang
des Schiffes möglich sein. Beides jedoch nur in beschränkter Weise und so
lange, als die Ruderwirkung größer ist als die Wirkung des‘ verschiedenen
Wasserdrucks auf den Schiffskörper. In solchem Falle tritt die Wirkung der
wagerechten Schichtung auch wie bei der „Fram“ und S., M. Kanonenboot
„Hyäne“ in die Erscheinung.
. Daß Dampfer in der Kongo-Mündung weniger ‚durch die wagerechte
Schichtung des Wassers zu leiden haben, als Segelschiffe, erscheint aus zwei
Gründen sehr erklärlich. Erstens haben. sie eine verhältnismäßig viel größere
eigene Triebkraft als die Segelschiffe, und zweitens können sie auf der be-
sonders in Betracht kommenden Strecke in oder nahezu in der Richtung des
Oberflächenstromes fahren. Sie brauchen den Fluß nicht in ähnlicher Weise in
der berüchtigten Gegend zu kreuzen,‘ wie es die Segler mußten, und dabei die
Steuerfähigkeit verloren. Es gibt außer den angeführten mehrere Berichte von
Seyelschiffen, in denen hervorgehoben wird, daß die Schiffe, mit der Strom-
richtung fahrend, solange gut steuerten, bis sie ein Drehungsmanöver ausführen
wollten und damit erst die Steuerfähigkeit wie auch den Vorwärtsgang verloren.
; Der Zustand solcher wagerechten Schichtung des Wassers kann überall
dort entstehen, wo ein unvermittelter plötzlicher Zufluß einer Wassermasse
möglich ist. Längere Zeit auf größerer Fläche erhalten‘ kann sich aber solcher
Zustand nur, wenn gleichzeitig große Unterschiede im spezifischen Gewicht
beider Wasserschichten vorhanden sind; wie: dies zwischen warınem frischen
Wasser und kaltem Seewasser. der Fall ist. Aus diesem Grunde kann ’ein
dauernder Zustand nur dort vorkommen, wo plötzlich.und unvermittelt frisches
Wasser ins Meer sich ergießt. Man findet solchen Zustand vielfach in tiefen
Buchten, in die kleine Flüsse münden. Vielen Seeleuten dürften solche Fälle
aus Erfahrung bekannt sein, wenn sie mit Booten nach solchen kleinen Flüssen
und Bächen fuhren, um dort ihren Bedarf an frischem Wasser zu schöpfen. Wie oft
wurde vor der Mündung eines solchen Baches zu tief mit der Pütze eingetaucht,
und man bekam dann statt des frischen Oberflächenwassers das tiefer liegende
Salzwasser. Im „British Columbia Pilot“, 2. Auflage von 1898 auf S. 56 heißt
es beispielsweise bei der Beschreibung der Commencement-Bucht, an der die
Stadt Tacoma liegt, über dieses Verhältnis: „Während der Ebbe und des ersten
Viertels der Flut ist die Bucht mit einer eigenartigen dünnen, weißlichen
Wasserschicht überzogen, die selten bis außerhalb der Bucht gelangt. Es soll
dies Gletscherwasser sein, das.mittels des Puyallap-Flusses in die Bucht gelangt.“
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